6. Clorinda betrachtet die Falschheit der Welt sammt ihren schnöden Wollüsten/ u...
Written 1667-01-01 - 1667-01-01
O falsche Welt wer kan
Wohl deine Tück ergründen
Dem Volck genug verkünden
Und ernstlich zeigen an!
Hierzu zu wenig wäre
Der Pytho Zungen-Kunst
Was ich darvon erkläre
Nur Schatten ist und Dunst.
Doch muß ich deine Tück'
So gut ich kan beschreiben
Zu diesem Werck mich treiben
Mein Elend und Unglück
In welche mich gestürtzet
Dein falsche Boßheit hat
So daß ich Heyl-verkürtzet
Muß leben ohne Raht.
Du bist dem Straussen gleich
Wild grausam und zornmühtig:
Ob du schon scheinest gütig
Holdselig und liebreich
Du legst die Wollust-Wäider
Zwar süß an deine Brust
Erwürgst sie aber läider!
In mitten ihrer Lust.
Was Dalila einmahl
An Samson hat begangen
Das hast du Bruth der Schlangen
Verübet ohne Zahl
Niemand ist dir entwichen
(Der deine Gunst gesucht)
So nicht mit vielen Stichen
Verwundet dich verflucht.
Du pflegest auch so gar
Der Seelen zu beranben
Die deiner Falschheit glauben
Sehnd Kinder der Gefahr:
Du scheinest zwar zu lieben
Den welcher dir anhangt
Ach aber gleich dem Dieben
Der nach dem Beutel langt.
Du bist den Apfflen gleich
Die dort auff Sodoms-Heyden
Zu sehen an mit Freuden
Als wären sie Gold-reich
Innwendig seynd sie aber
Voll Aschen; wie man meldt
So ist ô Welt-Liebhaber
Auch deine Braut die Welt.
Auswendig wie der May
Inwendig viel unstäter
Als das Aprillen- Wetter
Falsch wie ein altes Ay:
Auswendig schertzst und lachest
Innwendig ungeheur
Gleich einer Bomben krachest
Die heiß schon von dem Feur.
Du Seelen- Rauberin
Bist ärger und viel schlimmer
Als dort gewesen nimmer
Circe die Zauberin
So die Ulyss-Gesellen
Aus Spaß in Schwein verkehrt:
Die dir anhangen wöllen
Desgleichen wiederfahrt.
Circe hat wiederumb
In Menschen sie verwandlet
Mit ihnen mild gehandlet
Als eine die noch frumb
Du läider auch verkehrest
Die deinige in Schwein
Ach aber ihnen sperrest
Den Menschen gleich zu seyn!
Was Meroë gestifft
Für Unheil bey den Leuten
Viel deren auszureuten
Mit ihrem Zauber-Gifft
Ist gegen deinen Thaten
Nichts als ein Kinder-Spiel
Viel tausend müssen braten
Die dir getraut zu viel.
Es ist ô böse Welt
Dein arge Lieb beschaffen
Gleich wie die Lieb der Affen
Die nur den Liebsten quält
Gehst um mit deinen Jungen
Im Schein der Lieb so hart
Daß dero Seel gezwungen
Aus nach der Höllen fahrt.
Gleich wie der Wind geneigt
(Den Schiffmann unerschrocken
Nach hohem Meer zu locken)
Sich an dem Port erzeigt
Wann er das Schiff erhoben
Und weit hinein geweht
Fangt er an wild zu toben
Biß es zu scheitern geht.
Auch du Wind-gleiche Welt
Erzeigest dich auswendig
In deiner Lieb beständig
Biß man dir Glauben hält
Wann du das Hertz gewonnen
Erfahrt man deine Treu
Was du falsch angesponnen
Verübst du ohne Scheu.
Wer ist in deiner Gnad
Beständig je geblieben
Dem du nicht umbgetrieben
Das leichte Glückes-Rad?
Wer diesen sich darff nennen
Aus gantzer deiner Rott
Der komm' ich will erkennen
Ihn für den Lorbeer-Gott.
Gleich wie der Artzt aus List
Die Pillulen vergüldet
Dem Krancken süß fürbildet
Was Gallen-bitter ist
So gibst du auch mit Zucker
Das Gifft dem Menschen ein
Da meint der arme Schlucker
Es sey gewürtzter Wein.
Wann bey dem Sünder dann
Die Wollust was verjesen
So findt er daß gewesen
Der Zucker Entzian
Drauff kommt die Forcht der Sünden
Und machet solche Qual
Die schärffer zu empfinden
Als ein geschliffner Stahl.
Der nie-vergnügte Schwamm
Der weltlichen Gelüsten
Ist gleich den Dracken-Brüsten
Wo Milch und Gifft beysamm
Vergifftet und ergötzet
O wohl ein schöne Freud!
Wodurch die Seel verletzet
Fallt in das gröste Läid.
Man sagt viel von dem Zwang
Der reitzenden Sirenen,
Wie sie die Schiff-Leut hönen
Mit lieblichem Gesang:
Wann ihnen man zuhöret
Wird das verzuckte Schiff
Von ihnen umbgekehret
Durch gantz verborgne Griff'.
Du auch pflegst lieblich sehr
Den Menschen vorzusingen
Dein Untreu anzubringen
Auff diesem wilden Meer:
Mit deiner süssen Kählen
Bethörest du die Leut
Daß die fürnehmste Seelen
Auch werden deine Beut.
Weil niemand in der Höll
Der nicht durch deine Thaten
O Welt dahin gerahten
So lieb' dich wer da wöll'
Ich aber will verfluchen
Nun deine Grausamkeit
Und meiner Seelen suchen
Die wahre Sicherheit.