[6] Die sechste SatyreVorzug des Land-LebensFußnoten

By Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz

Written 1676-01-01 - 1676-01-01

Die Zeilen, welche mir ietzt aus der Feder fliessen,

Sind von mir abgeschickt, Herr Bruder, dich zu grüssen:

Ob ich gleich einsam bin, so will ich doch dabey,

Daß ich nicht unbekannt bey meinen Freunden sey.

Zu Blumberg ist mein Sitz, da, nach der alten Weise,

Mit dem, was Gott beschehrt, ich mich recht glücklich preise;

Da ich aus meinem Sinn die Sorgen weggeräumt,

So, daß mir nicht von Geitz, noch eitler Ehre, träumt.

Ich kan das Spiel der Welt, und ihr verwirrtes Wesen

Aus dem gedruckten Blat des Zeitung-Schreibers lesen:

Und wenn gleich alles nun in Krieg und Blut gestürzt,

Wird im geringsten nicht dadurch mein Schlaff gekürtzt.

Bleibt Friedrich nur gesund, und hat sein Scepter Seegen,

Was ist mir an Namur und Pignerol gelegen?

Und wenn ich, ohne Streit, die Garben binden kan,

Ficht Franckreich mich so viel, als wie der Mogol, an.

Hier merck ich, daß die Ruh in schlechten Hütten wohnet,

Wenn Unglück und Verdruß nicht der Palläste schonet;

Daß es viel besser ist, bey Kohl und Rüben stehn,

Als in dem Labyrinth des Hofes irre gehn.

Hier ist mein eigner Grund, der mir selbst angestorben;

Hier ist kein Fußbreit Land durch schlimmes Recht erworben;

Kein Stein, der Witwen drückt, und Wäysen Thränen preßt,

Kein Ort, der einen Fluch zum Echo schallen läßt.

Hier kan ich Schaaf und Rind in den begrünten Auen,

Die Scheunen voller Frucht, das Feld voll Hoffnung, schauen;

Und wenn kein grosser Hecht hier in die Darge beißt,

So gilt mein Giebel-Fang, der offt das Netze reißt.

Ja, will ein stoltzer Hirsch nicht als ein Räuber sterben,

So muß er meine Saat sich scheuen zu verderben.

Von allem bin ich Herr, was in dem Paradieß

Der Vater Adam erst mit eignen Nahmen hieß.

Mein Reden darff ich hier auf keiner Schale wägen,

Auch nicht gewärtig seyn, wenn es mir ungelegen,

Daß, aus Gewohnheit, mich ein falscher Freund besucht,

Der, doch aus Höfflichkeit nur heimlich, mich verflucht.

Hier leb ich, wie ich soll. Mein Wille giebt Gesetze,

Und keinem Rechenschafft. Ich fürchte kein Geschwätze,

Wenn, ob der Hunds-Stern gleich am heitern Himmel glüht,

Man mich bey dem Camin im Fuchs-Peltz sitzen sieht.

So mach ichs, wenn die Lufft mit Regen überzogen:

Wenn Iris aber nun mit dem gefärbten Bogen

Den Horizont bekrönt, führt mich auf neue Spur

Das Wunder-grosse Buch der gütigen Natur.

Mein Gott! was zeiget uns doch die an allen Seiten!

Da halt ich ein Gespräch mit frommen Arbeits-Leuten,

Die stellen manchen Schluß, in ihrer Einfalt, dar,

Der selbst dem Seneca noch schwer zu lösen war.

Da seh ich, was für Wahn uns Menschen offt bedecket,

Daß viel gesunder Witz auch in den Sclaven stecket,

Und, was ein grosser Mund, als ein Orakel, spricht,

Zuweilen mehr betreugt, als offt ein Irrwisch-Licht.

O mehr als güldne Zeit! belobtes Acker-Leben!

Dem Himmel sey gedanckt, der mir die Krafft gegeben,

Daß ich, eh ich noch gar an viertzig Jahre geh,

Schon am gewünschten Ziel so vieler Greisen steh.

Hier kanst du, biß im Herbst, mich, liebster Bruder, finden;

Und wenn du deinen Freund aufs neue wilst verbinden,

So stelle dich, und die bey dir im Hause seyn,

So bald es möglich ist, in meiner Armuth ein.

Was dich bekümmern kan, das laß zurücke bleiben.

Ein fröliches Gespräch soll uns die Zeit vertreiben.

Wird gleich auch manchen Tag der Sonnenschein vermißt,

Genug, daß unser Geist nicht wetterläunisch ist.

Seit vielen Jahren hat bey mir kein Lied geklungen,

Die Leyer ist verstimmt, die Saiten abgesprungen.

Wer weiß, was Phöbus thut, wenn nur dein Antlitz lacht;

Ob nicht ein neuer Trieb die Adern schwellen macht.

Mich dünckt, ich seh euch schon, ihr angenehmen Gäste,

Wie ihr gefahren kommt zu einer Bauren-Köste;

Wie in der freyen Lufft, da alles spielt und schertzt,

Sich auch Eusebius mit seiner Gustgen hertzt.

Charlotte Christian' und deinen theuren Fritzen,

Seh ich dort eingepackt auf schmalen Bänckgen sitzen.

Doch, wo die Pape bleibt, mit ihrer breiten Brust

Und aufgethürmten Kopff, das ist mir unbewust.

Ich dencke, daß sie sich vor dismahl wird bequemen,

Wo die Bedienten stehn, ein Plätzgen einzunehmen;

Weil noch kein Handwercks-Mann zu der verdammten Tracht,

Die Sprügel und den Raum hat hoch genug gemacht.

Eins bitt ich, nehmt vorlieb, wenn ich, nach Art der Hirten,

Euch nicht mit Ortolans und Nectar kan bewirthen;

Weil man auf meinen Tisch sonst selten etwas trägt,

Das nicht mein Feld, mein Stall, mein Teich und Garten hegt.

Auf! bilde dir nur ein, du solst nach Hermsdorf reisen;

Und, kan ich dir hernach schon nicht desgleichen weisen,

So tröste dich damit, daß du, mein werther Gast,

Nicht weniger, als dort, hier zu befehlen hast.