6.Ach daß die Hülffe auß Sion vber Israel käme/vnd der Herr sein gefangen Volck ...

By Andreas Gryphius

Written 1640-01-01 - 1640-01-01

Wie der stoltze Schaum der Wellen

Getrotzt durch grausen Sturm vermischt mit wind vnd Sandt

Itzt durch die Wölcken sprütz't jtzt das bestürtzte Landt (J ij)

Wo die Fischer Netz aufstellen

Mit brausen überschwemmt, wie er das Spiel der See

Ein halb zu scheittert Schiff jtzt aufschwingt in die Höh

Bald mit sich in den Abgrundt reißt

Bald über Klipp' auf Klippen schmeißt;

So handelt vnß die herbe Noth.

Der Menschen furcht der hartte Todt

Ist nicht so schrecklich alß das Leben

(Wofern es Leben heißt) in welchem wir verschmachten

Biß wir den durch viel hohn vnd Geisseln vnd verachten

Von hier verjagten Geist auf geben.

Ach! möcht vnß Rettung doch erquicken:

Ach! möcht vnß der doch hülffe schicken

Der sich in Sion hat verliebet

Vnd bricht was Israel betrübet.

Zwar! Er selbst hat diß verhangen

Daß man vnß die wir sein' vnß die er außerwehlet

Die er für eigen schätzt vnd derer Haar' er zehlet

In dem Elend' hält gefangen.

Man hat was noch vielmehr die Fessel auff sein wortt

Vmb vnsern Halß gelegt. Er selbst hat diesen ortt

Zu vnserm Kampffplatz außerkiest.

Er hat was für vnd vmb vnß ist

Mit Waffen wider vns gestärckt

Vnd wie ein Jäger scharff bemerckt;

Damit wir ja im Garne blieben.

Er spreche nur ein wortt so wird der Strick zureissen

Der Kercker offen stehn; Man wird vnß Freye heissen

Erlöser! möcht' es dir belieben.

Daß wir die deine Thaten kennen

Dich doch Erlöser solten nennen.

Daß wir die dir nur dienen wolten

Nicht frembden Herren dienen solten.

Es kommt nicht jederzeit von Weh-mutt daß man weynt

Die Threnen die wir jtzt vergissen

Die Zähren die so häuffig flissen

Prest vnß ergetzung auß; Nicht vnlust wie man meynt.

Ich schaw ach! ach der Tag bricht an!

Vnd die herbe Nacht verschwindet

Der Tag der vnß ergetzen kan

Der die schwere band' entbindet.

Ade nun Babilon. Jtzt bin ich nicht gefangen.

Glück zu mein Vaterland ich bin der Angst entgangen

Frolockt jhr Sternen ich bin frey

Die starcken Schlösser sind entzwey.

Ihr Wälder den ich offt mein leiden anvertrawt!

Ihr Zeugen meiner angst jhr Berg' jhr Thäler schawt

Wie mich deß Himmels gunst anlache

Ach nein! mir traumt ach nein ich wache!

O alzu süsser wahn! was bild' ich mir doch eyn?

Ich fühle ja daß ich noch muß in schmertzen seyn!

Ach kan die Hoffnung mich so ohne maß' ergetzen!

Wie frölich werd' ich seyn wenn GOTT mich wird entsetzen!