6.Deß Herren Gefängnüß

By Andreas Gryphius

Written 1640-01-01 - 1640-01-01

Schau Seele schau deß Himmels Sonn

Wird hier bey Licht gefunden.

Deß Vatern Lust der Engel Wonn

Die Freyheit wird gebunden

Der Liebe Band der Freundschafft Pfand

Wird deß Verrähters Zeichen:

Der Friede lehrt vnd Auffruhr stört

Lässt Mördern sich vergleichen.

In dehm Er noch die Jünger weckt

Ist sein Verräther kommen:

Der Ihn den Priestern schon entdeckt:

Vnd eylend angenommen

Was Schwerdt vnd Muth was Leib vnd Blut

Dem Kriege-Dienst verschworen:

Die bracht Er spät an diese Stät

Die Jesus Ihm erkohren.

Deß Höchsten Sohn der nun erkandt

Den Fortgang seiner Schmertzen

Er gibt sich selbst der Sünder Hand

Vnd fragt mit sanfftem Hertzen

Wen suchet ihr? Sie sprachen: hier

Sol Jesus sein zufinden.

Ich bins spricht Er: bald stürtzt ihr Heer

Vnd ihre Krafft muß schwinden.

Er fragt noch eins sagt wen ihr sucht?

Sie schreyn: Den Nazarener.

Ich bins sprach Er: vnd gönnt die Flucht

Den seinen: Die Er schöner

Versichert macht daß diese Nacht

Nicht einem ihrer allen

Ein einig Haar bey der Gefahr

Sol von dem Haupt abfallen.

Alsbald bot Judas ihm den Kuß

Wie vorhin überleget;

Ach! sprach Er ach ist das der Gruß

Dehn man zugeben pfleget?

Must du zu Lohn deß Menschen Sohn

Durch einen Kuß verrathen?

Drauff wird die Krafft der Welt verhafft

O grimme Frevelthaten!

Herr Herr fragt Petrus sol ich nicht

Jetzt Schwerdt vnd Leben wagen?

Vnd Malchus Ohr weil er diß spricht

Wird von ihm weggeschlagen.

Gib dich zu Ruh schreyt der Ihm zu

Der sich vor vns lässt binden

Wer sich zum Schwerdt in vnfall kehrt

Den wird der Schwerdt-Tod finden.

Stehts nicht bey mir daß ich vmb Schutz

Den Vater ietzt anspreche

Daß Er der Feinde grimmen Trutz

Durch Tausend Engel breche?

Es ligt an mir sonst würden hier

Zwölff Legionen stehen

Doch nein. Die Schrifft was mich betrifft

Sol richtig vor sich gehen.

Er rührt vnd heilt deß Priesters Knecht

Vnd sagt der Mörder Hauffen:

Wie ko it ihr ietzt ohn einig Recht

Mit Wehr vnd Spiß gelauffen

Gleich wie man sucht die mit der Flucht

Mord Schuld vnd Laster decken

Da ihr zuvor ins Tempels Thor

Die Hand nie dorfft außstrecken?

Ich lehrte täglich ohne Scheu

Da war kein Schwerdt zu spüren:

Nun muß euch meiner Freund Vntreu

Vnd Finsternüß anführen.

Doch eure Stund wie nunmehr kund

Ist dar braucht sie zum tügen.

Sie führen Ihn zu Caiphas hin

Der Jünger Kräfft erliegen.

Ein Jeder fleucht vnd bebt vnd zagt!

Ein Jüngling nur bedecket

Mit schlechter Leinwand hats gewagt

Vnd folgt ihm vnerschrecket:

Doch als die Schaar sein recht gewahr

Ihn fasst vnd auff- wil fangen

Bleibt sein Gewand in ihrer Hand

Vnd Er ist Nackt entgangen.

Durch diese Bande sind wir frey

Von Sathans festen Stricken:

Itzt bricht der Hellen Netz entzwey

Sie darff kein Garn mehr rücken.

Die Schmertz vnd Welt verhafftet hält

In Sünd vnd Wollust-Keten:

Gibt Jesus loß vnd heist vns bloß

Auß dem Gefängnüß treten.