6.Ziehet hin! lieben Kinder/ ziehet hin!

By Andreas Gryphius

Written 1640-01-01 - 1640-01-01

Kans denn nicht anders seyn! so zieht ihr Kinder zieht

Ach Kinder die ich so geliebet!

Daß ich biß in den Tod betrübet

Klag über euer Angst die vnauffhörlich blüht!

Ach Kinder ziehet hin! ich kan euch nicht mehr schützen

Was windet ihr euch streng vmb diese Brust!

Der Vberwinder reißt euch meine Lust

In harte Dinstbarkeit vnd läßt mich einsam sitzen;

Kein Freund läst hier sich finden;

Rath Hülff vnd Trost verschwinden.

Niemand der vor mich ehrt wil in der Quall mich achten!

Ich muß in Traurigkeit.

Getrotzt durch Rasend Leid

In dieser Wüldernüß! Erbarm es Gott! verschmachten.

Ich rieß die Kron vom Haupt die Perlen von dem Haar!

Mein Hals ist von dem Gold entblösset:

Die Brust mit Thränen überflösset

Trägt keinen Diamant noch Indiansche Waar!

Der Purpur ist entzwey! die Lilien- weise Seiden

Das teure Stückwerck aus geübter Hand

Gewürckt Metall das Silberne Gewand

Vnd was der Sere spinnt muß nicht die Lenden kleiden

Die ich in raue Säcke

In Härin Tuch verstecke

Vnd mit gezwungnem Bast an Gürtels stat vmbwinde

Die Haare sind voll Aschen.

Die heisse Zehren waschen

Die Ketten mit der ich mein schwartzes Traur-Kleid binde.

Doch ich wil (ob schon die Sprach

Mit dem Geist erliegen wil!

Vnd ich zu dem Grabes Ziel

Bin gedrungen nach vnd nach)

Mit seufftzenreichem Ach! deß ew'gen Hertz anschreyen

Ich wil ihn auß dem langen Schlaff

Auffwecken daß er nach der Straff

Mir Seelerquickend-Heyl vnd Gnade muß verleyen.

Auff Kinder! seyd getrost vnd schreit mit mir zu Gott!

Sucht mit Seel-brechenden gebeten

Vor sein gnädigs Hertz zu treten

Klagt ihm die reissend' Angst den Hochmuth vollen Spott

Ich weiß sein Vater Hertz wird ihm zu letzte brechen!

Gesetzt auch! daß er zehnmal mehr ergrimmt

Daß er vor euch nur Pein vnd Tod bestimmt

Ich weiß er wird zuletzt als Vater euch ansprechen!

Vnd von dem Dienst der Bösen

Vnd tollen zwang erlösen

Die Herren werden sich in Knechte stracks verkehren.

Die die euch Krieg anbitten

Wird er mit Fluch beschitten

Vnd was itzt sengt vnd brennt mit lichtem Blitz verheeren.

Mein Hertze sagt es mir die Hoffnung treuget nicht

Der ewig seinen Thron besessen

Hat warlich vnser nicht vergessen

Mich dünckt ich spüre schon daß seine Hilff anbricht!

Der Heilge wird mich bald mit höchster Freud erquicken

Deß Herren Gunst vnd sein barmhertzig seyn.

Wird durch die Wolck' entsetzung-voller Pein

Gleich als der Sonnen Licht durch trübe Nebel blicken.

Warumb doch wird mir bange?

Gott bleibt numehr nicht lange

Ach! wischt die Threnen ab hört auff vom trüben weinen

Wir sind erlöst auß Schanden

Strick Folter Stock vnd Banden

Der ewig' Heiland wird vns mehr denn schnell erscheinen.

Ich liß euch mit Weh' vnd Ach!

Jammer Klag vnd Zagen zihn

Vnd in frembde Grentzen flihn

Taub von Angst von Heulen schwach;

Doch Gott der alles kan wird mir euch wieder geben

Mit immer-Freuden-schwanger Lust

Daß ihr mit Wonn' vmb diese Brust

Sollt mit mir und durch Gott Gott rühmend' ewigleben.