6. Lob des WeinsEin deutscher Dithyrambus

By Johann Gottfried Herder

Written 1773-01-01 - 1773-01-01

Dies ist der Trank,

Der Unmuthszwang,

Durch den wir fröhlich werden;

Der unsern Geist

Der Pein entreißt,

Gibt freudige Geberden.

Er thut uns kund

Des Herzensgrund,

Macht Bettler gar zu Fürsten:

Wir werden kühn

Und frisch durch ihn,

Daß uns nach Blut muß dürsten.

Sein süsser Saft

Gibt denen Kraft

Zu reden, die sonst schweigen:

Macht uns bereit,

Barmherzigkeit

Dem Armuth zu erzeigen;

Wie auch beherzt,

Das was uns schmerzt,

Zu eifern und zu lästern:

Ertheilt die Kunst

Und alle Gunst

Der dreimal dreien Schwestern.

Daher man sieht,

Wann wir hiemit

Das Herz uns kaum begossen,

Wie dann der Fluß

Des Pegasus

Kommt auf uns zugeschossen:

Der will dann ein

Poete seyn;

Der kann viel Streitens machen

Von der Natur;

Der redet nur

Von Gottes hohen Sachen.

Auch mir wird itzt

Der Kopf erhitzt,

O Wein, von deinen Gaben

Die Zunge singt,

Die Seele springt,

Die Füsse wollen traben,

Wohlan! noch baß

Durch dieses Glas

Will ich auf dich jezt zielen,

Du deutsches Blut

Treu, fest und gut!

Laßt Eins zum Tanz mir spielen!