7. Erziehung durch Leidenschaft

By Ludwig Achim von Arnim

Written 1806-01-01 - 1806-01-01

O Zorn, du Abgrund des Verderbens,

Du unbarmherziger Tyrann;

Du frissest, tödtest sonder Sterben,

Und brennest stets von neuem an;

Wer da geräth in deine Haft

Bekommt der Hölle Eigenschaft.

Ach wären wir verwahret blieben,

Vor deiner strengen Widrigkeit;

Wie selig wären wir im Lieben,

Und wüßten nicht, was Ungleichheit

Im Guten und im Bösen sey,

So wären wir des Zornes frey.

O daß wir doch wohl mögten fassen,

Woher der Grimm entsprungen sey;

Und stünden in der Lieb gelassen,

Und hielten uns des Zornes frey;

Der Hochmuth und die Eigenheit

Erregen Zorn und Grimmigkeit.

Laß mich aus Eigenheit ausgehen,

Und aller Selbheit sterben ab;

Die Lieb heiß in mir auferstehen,

Und allen Zorn schick in das Grab;

Daß keine Noth mir mehr setz zu,

Kein Widerwille brech die Ruh.

Die Liebe, die nicht ist ihr eigen,

Die sich in allem macht gemein;

In mir sich laß in Demuth zeigen,

Laß mich ein Kind der Liebe seyn;

Der alten Schlange Kopf zerbrich

In mir und dann erkenne dich.

Wo ist o Liebe deine Tiefe,

Der Urgrund deiner Wunderkraft;

Seel, komm ein einzig Tröpflein prüfe

Von dieser Wirkungseigenschaft.

O wer in diesem tiefen Meer

Gleich einem Tröpflein sich verlör!