8. Der blutige StromSpanisch

By Johann Gottfried Herder

Written 1773-01-01 - 1773-01-01

Grüner Strom, du rinnst so traurig,

So viel Leichen schwimmen in dir,

Christenleichen, Mohrenleichen,

Die das harte Schwert erlegte.

Deine klare Silberwellen

Sind mit rothem Blut gefärbet,

Mohrenblute, Christenblute,

Die in grosser Schlacht hier fielen.

Ritter, Herzoge und Grafen,

Grosse hohen Standes fielen,

Männer hoher Tugend sanken,

Und die Blüthe Span'scher Edlen.

An dir sank hier Don Alonso,

Der von Aguilar sich nannte,

Auch der tapfre Urdiales

Sank an dir, mit Don Alonso.

Von der Seite klimmt den Felsen

Ab der tapfre Sayavedra,

Eingebohrner von Sevilla

Aus Granad's (lies: Granadas) ältstem Stamme.

Hinter ihm ein Renegate

Rief ihm nach mit frecher Stimme:

„Gib dich, gib dich, Sayavedra!

Fliehe nicht so aus dem Treffen!

Wohl erkenn' ich dich, ich war ja

Lang genug in deinem Hause.

Auf dem Markte von Sevilla

Sah ich oft dich Lanzen werfen;

Kenne deine Eltern, kenne

Dein Gemahl, die Donna Klara,

Sieben Jahre dein Gefangner,

Mit dem du sehr hart verfuhrest!

Jezt sollt du der Meine werden,

Wenn mir Mahomet nun beisteht,

Und dann will ich mit dir umgehn,

Wie du einst mit mir auch umgingst!“

Sayavedra, der das hörte,

Kehrt sein Angesicht zum Mohren,

Und der Mohr schnellt seinen Bogen,

Doch der Pfeil kam nicht zum Ziele.

Und da faßte Sayavedra,

Traf auf ihn mit üblem Stosse;

Nieder stürzt der Renegate,

Ohn' ein Wort noch zu vermögen.

Sayavedra ward umringet

Von dem ganzen Mohrenpöbel,

Und am Ende sank er todt hin,

Todt von einer bösen Lanze.

Noch stritt Don Alonso tapfer;

Schon war ihm sein Roß erlegen,

Und sein todtes Roß muß jezo

Fechtend ihm statt Mauer dienen.

Aber Mohren über Mohren

Drangen auf ihn, fochten, stiessen,

Und vom Blut, das er verlohren,

Sinkt ohnmächtig Don Alonso.

Endlich, endlich sinkt er nieder

An dem Fuß des hohen Felsen,

Bleibet todt; doch Don Alonso

Lebet noch in ew'gem Ruhme.