8. Lebensstimmung

By August von Platen

Written 1815-01-01 - 1815-01-01

„Wem dein wachsender Schmerz Busen und Geist beklemmt

Als Vorbote des Tods, bitterer Menschenhaß,

Dem blühn der Gesang, die Tänze,

Die Gelage der Jugend nicht!

Sein Zeitalter und er scheiden sich feindlich ab,

Ihm mißfällt, was erfreut Tausende, während er

Scharfsichtige, finstre Blicke

In die Seele der Toren wirft.

Weh ihm, wenn die Natur zarteren Bau vielleicht,

Bildungsreicheren lieh seinem Gehör, um durch

Kunstvolle Musik der Worte

Zu verewigen jede Pein!

Wenn unreifes Geschwätz oder Verleumdung ihn

Kleinlichst foltert, und er, welchen der Pöbel höhnt,

Nicht ohne geheimes Knirschen

Unerträgliche Qual erträgt:

Wenn Wahrheiten er denkt, die er verschweigen muß,

Wenn Wahnsinn dem Verstand schmiedet ein ehrnes Joch,

Wenn Schwäche des Starken Geißel

Wie ein heiliges Zepter küßt:

Ja, dann wird er gemach müde des bunten Spiels,

Freiheitatmender wehn Lüfte des Heils um ihn,

Weglegt er der Täuschung Mantel,

Und der Sinne gesticktes Kleid.“

Ob zwei Seelen es gibt, welche sich ganz verstehn?

Wer antwortet? Der Mensch forsche dem Rätsel nach,

Gleichstimmige Menschen suchend,

Bis er stirbt, bis er sucht und stirbt.