8. [Lebwohl, Kind!]

By Cäsar Flaischlen

Written 1892-01-01 - 1892-01-01

Lebwohl, Kind! ... die Fahrt, die du wagst,

ist weit!

Mein Wunsch, daß es gut dir gehe,

geb dir getreulich Geleit!

Leb wohl! den Kopf immer hoch

und fröhlich und unverzagt,

und nie zuviel auch bei andern

um Rat und Meinung gefragt!

Raten ist leicht, doch es geht schon

nicht alles im rechten Gleis,

wenn man Rat braucht, Kind, und sich

nicht selbst zu helfen weiß!

Es trägt ein jeder zudem schon

so viel an eigener Last,

daß er sich meist nur ungern

mit fremden Sorgen befaßt!

Es kommt auch selten etwas

dabei heraus und ich mein:

man müsse für Glück und Unglück

immer selbst verantwortlich sein.

Wer seines Zieles klar ist,

erreicht, was er erstrebt,

und wer ein Ziel errungen,

hat nie vergebens gelebt!

Lebwohl, Kind! und wenn es wettert

und Blitze und Wolken dräun,

es kommen auch Tage wieder,

die Blüten und Rosen streun.

Es ging ja uns beiden im Leben

nie noch besonders gut,

wir erfuhren niemals, wie schön es

ohne Sorge sich ruht;

wir haben von früh an in fremde

Launen uns schicken gemußt

und hatten niemand, zu teilen,

weder bei Leid noch bei Lust;

und gerade in Jugendtagen

ist das wohl der herbste Schmerz:

man träumt da von Wunderdingen

und hat so voll das Herz,

man möchte jubeln und jauchzen

und möchte glücklich sein

und denkt, das Leben bestünde

aus lauter Sonnenschein.

Es kann ja nun alles sich ändern,

ich glaubte für dich es so gern:

es kann vom Himmel fallen

wie ein rotblitzender Stern,

es kann auf schimmerndem Flügel

herrauschen im Windeswehn,

es kann mit jauchzendem Liede

urplötzlich vor dir stehn! ...

Dichter sind's, die das sagen,

auch hört man es sonst dann und wann,

im wirklichen Leben aber ...

ich glaube nicht recht daran!

Ich glaube viel eher, es wird

so sein, wie es bisher war:

von allem, was man sich wünscht,

wird nur das Wenigste wahr!

ja ich glaube beinahe, das große

Glück, von dem man so träumt

und an das ein jeder so viel

seines besten Lebens versäumt:

daß es das gar nicht gibt ...

als festes dauerndes Gut,

daß alles Glück nur in kleinen

ganz flüchtigen Dingen beruht!

Es ist wie Gold, das man auch nicht

in Klumpen und Blöcken hebt,

das man nur staubkorngroß

aus Geröll und Getrümmer gräbt.