8. Von der Eichel und dem Kürbis

By Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Written 1761-01-01 - 1761-01-01

Sohn, mit Weisheit und Verstand

Ordnete des Schöpfers Hand

Alle Dinge. Sieh umher!

Keines steht von ohngefähr,

Wo es steht! Das Firmament,

Wo die große Sonne brennt,

Und der kleinste Sonnenstaub,

Deines Atems leichter Raub,

Trat, auf unsers Gottes Wort,

Jegliches an seinen Ort.

Jedes Ding in seiner Welt

Ist vollkommen; dennoch hält

Mancher Thor es nicht dafür,

Und kunstrichtet Gott in ihr!

So ein Thor war jener Mann,

Den ich dir nicht nennen kann,

Der, als er an schwachen Ranken

Einen Kürbis hangen sah,

Groß und schwer, wie deiner da,

Den du selbst gezogen hast,

Den verwegenen Gedanken

Hegte: Nein, solch eine Last

Hätt' ich an so schwaches Reis

Wahrlich doch nicht aufgehangen!

Mancher Kürbis, gelb und weiß,

Reih' bei Reih, in gleichem Raum,

Hätte sollen herrlich prangen,

Hoch am starken Eichenbaum!

Also denkend geht er fort,

Und gelanget an den Ort

Einer Eiche; lagert sich

Längelang in ihren Schatten,

Und schläft ein. –

Die Winde hatten

Manchen Monat nicht geweht;

Aber, als er schläft, entsteht

In der Eiche hohem Wipfel

Ein Gebrause; starke Weste

Schütteln ihre vollen Äste;

Plötzlich stürzt, von dem Bewegen,

Prasselnd ein geschwinder Regen

Reifer Eicheln von dem Gipfel.

Viele liegen auf dem Grase,

Aber eine fällt gerade

Dem Kunstrichter auf die Nase!

Plötzlich springt er auf und sieht,

Daß sie blutet: dieser Schade

Geht noch an! denkt er, und flieht,

Und bereuet auf der Flucht

Den Gedanken, welcher wollte,

Daß der Eichbaum eine Frucht,

Gleich dem Kürbis, tragen sollte.

Traf ein Kürbis mein Gesicht

Sprach er, nein, so lebt' ich nicht!

O wie dumm hab' ich gedacht!

Gott hat Alles wohl gemacht!