9. Clorinda betrachtet den theuren Verlurst der edlen zum Heyl von Gott gegebene...

By Laurentius von Schnüffis

Written 1667-01-01 - 1667-01-01

Beginn' ich meine Jahr

Ein wenig zu betrachten

So muß ich nur nicht gar

In Kümmernuß verschmachten

Dann ich Betrübte find'

Daß wie der Rauch im Wind

Mein Leben ohne Frucht

Genommen hat die Flucht!

Ich hab von Kindheit an

Geführt ein eitles Leben

Mich auff die Tugend-Bahn

Mit keinem Fuß begeben

Mein gantze Arbeit war'

Die Schmückung meiner Haar:

Kein ander Ding mein Ziel

Als Lust und Freudenspiel.

Die Andacht wolte mir

Durchaus nicht gehn zu Hertzen

Ich suchte für und für

Nur mit der Welt zu schertzen:

In eitlem Müßiggang

Hab' ich mein Leben-lang

Die Zeiten zugebracht

Des Heyls niemahl gedacht.

Und ob ich schon (ô Spott!)

Zu seyn andächtig scheinte

Ich dannoch es mit Gott

Niemahlen redlich meynte

Fromm stellt' ich mich allein

Zum äusserlichen Schein:

Mein Welt-verwirrtes Hertz

War' immer anderwerts.

Nun fühl' ich (aber ach

Zu spaht!) den grossen Schaden

Weil Clotho allgemach

Vollendet meinen Faden:

Wie hätt' nicht können ich

Mit Gott bereichen mich?

Nun muß ich arm und bloß

Mit Charon auff den Floß.

Und diese Armut wär'

Noch endlich zu erdulden

Wann ich nur nicht so schwär

Beladen auch mit Schulden:

Nichts haben und doch ein

Noch grosser Schuldner seyn

Ist ein sehr armer Stand

Der selten ohne Schand.

Wer arm doch Schulden-frey

Kan noch getröstet sterben

Dann niemand wird darbey

Gebracht in das Verderben:

Ich aber schuldig bin

Daß meine Seel mithin

(Beraubet meiner Buß)

Elend verderben muß!

Ich hab auff sie gemacht

Nur Schulden über Schulden

Und sie dardurch gebracht

Aus ihres Gläubers Hulden

Nun geht zum End dahin

Der strenge Pfands-Termin

Und weil nichts in der Hand

Gilt es das Unterpfand.

So bald mir die Vernunfft

Gefangen an zu scheinen

Beginnt' ich nach der Zunfft

Der Uppigkeit zu geinen.

Der rauche Tugend-Weeg

Auff schmahlen Himmels-Steeg

Den ich antretten solt'

Mir nicht behagen wolt.

Den Augen hab' ich gleich

Den freyen Flug gelassen

Und sie ohn' alle Scheuh

Geschickt nach allen Gassen

Wordurch ich dann gantz frech

Im Sehen und Gespräch

Fürwitzig angeschaut

Was niemand sich getraut.

Das Gegen-Theil-Geschlecht

Gefiehle mir vor allen

Drumb sucht ich wo ich möcht'

Demselben zu gefallen

Ich schmuckte zum Verkauff

Mich auff das prächtigst auff

Gold Perlen Edelgstein

Flocht in den Haaren ein.

Ein Meer-Schneck müßte mir

Die bleiche Wangen färben

Die schöne Seelen-Zier

Ließ' ich im Kaht verderben

Mir könnt kein teutsche Hand

Recht machen mein Gewand

Um Kleyder schickt ich biß

Nach Lyon und Pariß.

Ich gienge geil daher

Zur Reitzung der Gelüsten

Als wann ich Venus wär'

Mit halb-entblößten Brüsten:

Viel keusche Augen hab'

Ich lockende Rahab,

Durch mein' schamlose Tracht

Gantz geil und frech gemacht.

Ich führte heimlich kein

Penelopeisch Leben

Und dannoch wolt' ich seyn

Lucretia darneben:

Kein Mensch in gantzem Reich

War mir an Hoffart gleich

Casiope so gar

Mir unvergleichlich war'.

Bey allen Spielen führt'

Ich Uppigste den Reyen

Ich gieng' herein geziert

Wie Flora in dem Meyen

Es wallte mir das Blut

Im Leib vor Ubermuht:

Dem Spielen und dem Tantz

War' ich ergeben gantz.

Nur an den Zucker-Huht

Wolt' ich den Schnabl wetzen

Mein Hertz nach vollem Wuht

Der Sinnlichkeit ergützen:

Wann auff dem Marckt nur was

Rebhünlein oder Haas)

Seltzames kommen ein

War' es unfehlbar mein.

Gar offt bin ich zur Beicht

Doch ohne Reu gegangen

Hab' mich gar nicht gescheuht

Unwürdig zu empfangen

Zu meiner Seelen Todt

Das süsse Himmels-Brodt

Hab' es zu seyn erkennt

Ein Brodt kein Sacrament.

Das ist der blosse Schaum

Von meinem bösen Leben

Weil ich vor Schmertzen kaum

Den Schatten kan angeben

Aus Forcht der Aergernuß

Ich viel verschweigen muß

So meiner Seelen heiß

Offt macht biß auff den Schweiß.

Wann erst wird zu Gericht

Der bleiche Richter sitzen

Wie werd' ich arme nicht

Alsdann erbärmlich schwitzen!

Wann ich auch kleine Ding

Die ich geschätzet ring

Werd' in dem strengen Feur

Dort müssen zahlen theur.

O Freunde dieses macht

Daß ich in dunckler Hölen

Die böse Jahr betracht'

In Bitterkeit der Seelen:

Dann ich kein' Ursach hab'

Die Traur zu legen ab

Biß Daphnis zu mir sagt:

Steh auff bereute Magd.