9. Die Grille und die Ameise

By Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Written 1761-01-01 - 1761-01-01

Eine faule Grille sang

Einen ganzen Sommer lang,

Und war immer ohne Sorgen

Für den andern Morgen.

Weil der Sommer Speisen hat,

Wurde sie auch täglich satt;

Aber als der Winter kam,

Und der Flur das Leben nahm,

Alles tot und öde stand,

Und kein Würmchen mehr sich fand;

Da trieb sie der Hunger hin

Zu der Ämse: – Nachbarin,

Ich bin hungrig, gieb mir doch

Ein klein wenig nur zu leben!

Deine Kammer hat ja noch

Großen Vorrat; und ich will

Alles gern dir wieder geben,

Mit den Zinsen im April.

Schwesterchen, wie brachtest du

Deine Zeit im Sommer zu?

Sage mir, was thatest du?

Was ich that? du weißt's ja wohl!

Ich, die Freundin vom Apoll,

Sang beständig; hast du mich

Nicht vernommen? und konnt' ich,

Schwesterchen, was bessers thun?

Grillchen, nein! doch tanze nun!