9.Deß Herren Christi Verspeyung

By Andreas Gryphius

Written 1640-01-01 - 1640-01-01

Erschreckliche Nacht! schwere Bande!

Durchteuffelter Haß! hohe Schande!

Ihr Felsen kracht vnd erschüttert!

Ihr Berge bebt vnd erzittert.

Der alles erlöst lässt sich binden;

Der herrliche Glantz muß verschwinden.

Den Gott mit Ehre gekrönet

Wird leicht vnd gifftig verhönet.

Sein klares Gesicht wird bedecket:

Verspeit angeplärr't vnd beflecket.

Das Haar zuraufft vnd zurissen

Die Wangen grimmig zuschmissen.

Weissage Prophet! Laß dich hören!

Wer ists der dich sucht zu versehren!

So rufft der Ihn hat besetzet!

In dem Er schlägt vnd verletzet.

Das Licht brach hervor als mit hauffen

Der mächtige Rath kömmt gelauffen

Vnd Klag vnd Schein sucht zu finden.

Auff den sein Tod sey zu gründen.

Als Jesus itzt vor sie geführet:

Fragt man: bist du der dem gebühret

Wie Schrifft vnd Väter versprechen

Israels Bande zu brechen?

Er sprach: beantwort' Ich die Fragen

Würd Ich dieser Band auch entschlagen?

Red' Ich: wer ist der mich höre?

Frag Ich wer ist der mich lehre?

Doch glaubt: Von nun an wird geschehen

Daß ihr in dem Thron werdet sehen

Deß Menschen Sohn alle Heyden

Zur Rechten Gottes entscheiden.

Sie ruffen erhitzt: Nun erkläre

Ob du Gottes Sohn? Ich bewehre

Spricht Christus daß ihr genennet

Dehn vor dehn Gott mich erkennet.

Der Hauffe begönnt; ist von nöthen

Mehr Zeug' vnd Beweiß Ihn zu tödten?

Habt ihr nicht all' itzt vernommen:

Wie hoch sein Lästern ankommen?

Drauff wird Er als vnwehrt zu leben;

Dem Weltlichen Recht übergeben!

Den Todt für Jud' vnd für Heyden

Durch beyder Vrtheil zu leiden.