9.Ruhe deß Gemüttes

By Andreas Gryphius

Written 1640-01-01 - 1640-01-01

Wie seelig ist der hohe Geist zu schätzen

Der deß geschminckten Glückes falsche Pracht

Vnd was bethörte Sinnen mag ergetzen

Mit sorg vnd kummer freyem Mutt verlacht!

Dem kein verzagen

Das Hertz zubricht

Den auch kein klagen

Noch hohn anficht

Noch Neydt ansticht.

Er tritt was alles tritt mit steiffen Füssen

Herrscht über sich vnd pocht der Menschen Noth

Er trotzt was Fleisch vnd Jahre leiden müssen

Er zwingt die Pest der grossen Welt den Todt.

Er findet in sich

Was jener sucht

Der stets gleich alß Ich

In schneller flucht

Irr't ohne Frucht.

Er hört mit lust wen mancher rühm't vnd leuget

Vnd höhnt den Rauch der stoltzen Eitelkeit

Er schaw't wenn mich ein falscher Freundt betreuget

Sich vmb nach trew der hochbegreißten zeit.

Er lib't nicht Liebe

Die Wind vnd dunst

Vnd Seelen hiebe

Gibt vor die gunst

Der keuschen Brunst.

Er schmückt sein gantz mit Ehr geziert Gemütte

Mit nicht gemeinem glantz der Weißheit auß;

Er lern't warumb die stoltze Welle wütte;

Er kenn't die Sternen selbst in jhrem Hauß

Was in den Lüfften

Was ob vns schweb;

Was auß den klüfften

Der grufft erheb'

Vnd ewig leb'.

Ihm steht was Welt vnd Himmel zuschleust offen:

Er denen nur die sein Verstand erwehlt.

Von denen gleiche Seel vnd gunst zu hoffen

Vnd Trew die Freund erkiest vnd selten zehlt

Mit den vrtheilet

Er lust vnd leidt

Was schlegt vnd heilet

Was nah' vnd weit

Vnd Todt vnd Zeit.

Ach! könt ich was ich jtzund rühm' erlangen

Ach mein verhängnis! was hält mich zurück?

Wenn wird mich doch die süsse Ruh' vmbfangen?

Die schöne Lust das allerhöchste Glück.

Mich würd ergetzen

Ein lustig Feldt

Vor reichßten Schätzen

Der Fürsten Zelt

Ja Ehr vnd Welt.