AbendsegenDer Tag mit seinem Lichte fleucht hin

By Paul Gerhardt

Written 1641-01-01 - 1641-01-01

Der Tag mit seinem Lichte

Fleucht hin und wird zunichte;

Die Nacht kommt angegangen,

Mit Ruhe zu umfangen

Den matten Erdenkreis.

Der Tag, der ist geendet,

Mein Herz zu dir sich wendet,

Der Tag und Nacht geschaffen

Zum Wachen und zum Schlafen,

Will singen deinen Preis.

Wohlauf, wohlauf, mein Psalter,

Erhebe den Erhalter,

Der mir an Leib und Seelen

Viel mehr, als ich kann zählen,

Hat heute Guts getan.

All Augenblick und Stunden

Hat sich gar viel gefunden,

Womit er sein Gemüte

Und unerschöpfte Güte

Mir klar gezeiget an.

Gleichwie des Hirten Freude,

Ein Schäflein an der Weide,

Sich unter seiner Treue

Ohn alle Furcht und Scheue

Ergetzet in dem Feld

Und sich mit Blumen füllet,

Den Durst mit Quellen stillet:

So hat mich heut geführet,

Mit manchem Gut gezieret

Der Hirt in aller Welt.

Gott hat mich nicht verlassen,

Ich aber hab ohn Maßen

Mich nicht gescheut, mit Sünden

Und Unrecht zu entzünden

Das treue Vaterherz.

Ach Vater, laß nicht brennen

Den Eifer, noch mich trennen

Von deiner Hand und Seiten:

Mein Tun und Überschreiten

Erweckt mir Reu und Schmerz.

Erhöre, Herr, mein Beten

Und laß mein Übertreten

Zur Rechten und zur Linken

Ins Meeres Tiefe sinken

Und ewig untergehn;

Laß aber, laß hergegen

Sich deine Engel legen

Um mich mit ihren Waffen!

Mit dir will ich entschlafen,

Mit dir auch auferstehn.

Darauf so laß ich nieder

Mein Haupt und Augenlider,

Will ruhen ohne Sorgen,

Bis daß der güldne Morgen

Mich wieder munter macht.

Dein Flügel wird mich decken,

So wird mich nicht erschrecken

Der Feind mit tausend Listen,

Der mich und alle Christen

Verfolget Tag und Nacht.

Ich lieg hier oder stehe,

Ich sitz auch oder gehe,

So bleib ich dir ergeben,

Und du bist auch mein Leben:

Das ist ein wahres Wort.

Was ich beginn und mache,

Ich schlaf ein oder wache,

Wohn ich als wie im Schlosse

In deinem Arm und Schoße,

Bin selig hier und dort.