Abermahlige Betrachtung des Frühlings, insbesondere der darinn überall verspührt...
Mein Herz, laß itzt zur Frühlings-Zeit in dir ein Freuden-
Feur entglimmen!
Beschaue, zu des Schöpfers Preise, die, von Jhm Selbst,
geschmückte Welt!
Bemühe dich, zu Dessen Ruhm, Der alles schaffet und erhält,
In einer fleißigen Betrachtung, ein frohes Danklied anzu-
stimmen.
Das allgemeine Kleid der lächelnden Natur,
Das holde Grün, bedeckt die jüngst noch welke Flur,
Mit Bluhmen überall durchwirket und gesticket.
Es ist, so weit man sieht, das flache Feld geschmücket.
Zugleich bemühen itzt die saftgen Wälder sich,
Vom Sonnen-Strahl belebt, gemeinschaftlich,
Der stündlich schwellender gefüllter Knospen Menge,
Durch ein sich mehrendes fast sichtbares Gedränge,
Und immer stärkern Trieb zu öffnen, sich zu spalten,
Und ihr verschränktes Laub allmählich zu entfalten,
Bis die vereinte Zweig’ sich durch einander strecken,
Und den begrünten Grund mit jungen Schatten decken,
Worinn das frohe Wild auf weichem Grase springt,
Mit raschlendem Geräusch, durch die verworrne Hecken,
Durch junges Farren-Kraut und dichte Büsche dringt,
Worinn sie sich bald zeigen, bald verstecken.
Inzwischen, daß fast überall,
Uns neue Freude zu erwecken,
Mit einem zwitzschernden Gepfeif und hellem Schall,
Die neue rege Schaar der bunten Vögel singt.
Da denn der reine Ton der hellen Nachtigall
So gar, den lange nicht gehörten Wiederhall
Durch ihren starken Schlag, zur süssen Antwort zwingt.
Der bunte Garten glüht, und füllt die laue Luft
Mit einem angewürzt- und Balsam-reichen Duft,
Als wie ein Rauchfaß an. Jtzt muß man sich bemühn,
Dem ungesunden Dampf der Stadt sich zu entziehn,
Und dem mühsel’gen Lerm des Hofes zu entfliehn;
Um, wie das itzt, durch GOttes Wunder-Hand,
So lieblich ausgeschmückte Land,
So angenehm, so wunderschön,
In stiller Anmuht anzusehn.
Wir wollen itzt in Feldern, Wäldern, Auen,
Des Schöpfers weise Liebe schauen!
Komm, laß uns die durch GOtt so schön gezierte Welt,
Woselbst Er Seine Huld recht sichtbar dargestellt,
Doch unsers Ansehns würdig achten,
Und das, zu unsrer Lust, geschmückte Jahr betrachten!
Komm, laß uns früh am bunten Schmuck der feuchten
Wiesen uns vergnügen,
Worauf des Thaues klan Tropfen, wie lauter reine Perlen,
liegen!
Dann wollen wir uns hie und da in kleinen, erst belaubten,
Büschen,
Die wie ein holder Labyrinth das Feld erfüllen, uns erfrischen.
Auch laß uns, nebst der grünen Pracht der Klee- und Kräu-
ter-reichen Auen,
Der Gärten tausendfärbigen und tausendförm’gen Schmuck
beschauen.
Sieh dorten einen weissen Strich von Birn- und Kir-
schen-Bäumen blühn!
Hier einen Grenzen-losen Platz in holdem Purpur feurig
glühn!
Und dort, um unsern regen Blick um desto mehr noch zu
erfrischen,
Auf jenem schönen Apfel-Baum sich alle beyde Farben mi-
schen,
So, daß ein nimmer müdes Aug, in jedem Gegenwurf ver-
gnügt,
Sich wechsels-weis’ in beyden Farben, von einer Lust zur an-
dern fügt.
Noch ziehen ungezählte Wunder, durch ihre Pracht und
Schönheit, dort,
Mein ernstes Denken mit sich fort;
Das aber ihren Schmuck verstellt: denn, wer kann jemahls
der Natur,
In ihren Mahlereyen, gleichen?
Kann unser Sinn die holde Schöpfung und schöne Farben
wohl erreichen?
Kann jemand wohl die zarte Spur
Der unbegreiflichen Erfindung und die verborgnen Künste
finden?
Kann wohl ein Mensch die Art der Handlung und ihre Wir-
kungen ergründen?
Weiß jemand wohl so anzulegen, wie sie, in ungespührter
Kleinheit?
Weiß jemand etwas zu vermengen in solcher dünn- und
zarten Feinheit,
Wie wir, in Knospen, welche blühn, und woraus endlich
Frücht' entstehn,
Ja, in der Pflanzen grossen Menge fast stets auf andre Weise
sehn?
Da die Gedanken nun nicht fähig so fremder Arbeit nachzu-
spühren,
Wie kann es doch die Spraye thun? Wo nimmt man immer
Worte her,
Gefärbt mit solchen schönen Farben? Und welcher Kraft fiel
es nicht schwer,
Mit solchem süß- und holdem Oel, den zarten Bau zu balsa-
miren;
Mit solchem angewirzten Duft, der unerschöpflich sie um-
ringt,
Und nach dem Leben vorzustellen den Balsam, der aus ihnen
dringt!
Wir wollen itzt denn aus dem Reich der stillen Pflanzen uns
erheben,
Um auf das angenehme Wesen des bunten Luft-Volks Acht
zu geben.
Hör’ und bemerke, wie so laut der Laub- und Vogel-reiche
Wald
Durch seiner kleinen Bürger Kehlen, dich zu sich einzuladen,
schallt!
Ach, leiht mir euren süssen Ton, ihr Nachtigallen, daß mein
Singen,
Durch eure Melodey beseelt, mag lieblicher und besser klin-
gen.
Ich fühl’ ein reizendes Verlangen, und, um auch einst der
Wälder Liebe
In holden Vögeln zu besingen, noch nimmer sonst verspührte
Triebe.
So bald in der erwärmten Luft der Geist der Liebe sich ver-
breitet,
Und tönend in ihr Herze dringt, fängt gleich der Vögel mun-
tre Schaar,
Auf ihren Putz bedacht, die Federn zurecht zu bringen, ziehet,
spreitet
Die bunten Flügel aus. Jhr Led, das mehrentheils ver-
gessen war,
Stimmt jeder, anfangs sanfte gurgelnd, in schwachen Tö-
nen, wieder an;
Allein, kaum daß die süsse Brunst in ihren Adern stärker rann,
So lebet alles. Jhre Freude fängt an sich gleichsam zu er-
giessen.
Man sieht und höret ihre Lust aus ihren Kehlen überfliessen
In unbeschränkter Harmonie. Die Lerche schwingt sich in
die Luft
Mit hellem Gurgeln hoch empor, bemüht, den Morgen anzu-
zeigen,
Und, ehe noch die Schatten fliehn, schon singend in die Höh’
zu steigen,
Durch den, von des noch nicht gesunknen erhabnen Thaues
feuchten Duft,
Da sie dem liederreichen Volk, aus ihrem Schlaf sie weckend,
ruft.
Aus jedem Busch, von jedem Zweige (der weich bemoset, dick
belaubt,
Und feucht annoch vom kühlen Thau, als wie ein kleiner
grüner Bogen
Sich über dieser Sänger Haupt,
So sie die ganze Nacht beherbergt, zum Schutz und auch zur
Lust, gebogen)
Erschallt ein fröhliches Concert. Durch dieß verwirrete
Gedränge,
Der in die Welt ertönenden, die Luft erfüllenden Gesänge,
Läßt sich durch einen schärfern Ton, aus allen angestimmten
Chören,
Vor andern noch am hellsten hören
Die Wald-Lerch und der Crammetz-Vogel. Indessen lauscht
die Nachtigall,
Gönnt ihnen ihre Lust aus Grosmuht, zähmt ihren siegeri-
schen Schall,
Durch den sie aller Vögel Lieder befugt und fähig zu verla-
chen,
Und nimmt sich vor die Nacht darauf noch schöner als den
Tag zu machen.
Der Hänfling pfeift aus einer Hecke, der Stieglitz zwitschert
aus den Büschen,
Die Spreen und Stahren gurgeln dort, die Dross- und Am-
seln singen hell,
Womit von tausend andern Kehlen sich lockende Manieren
mischen,
Bald wirbelnd, niedrig bald, bald hoch, geschleift und lang-
sam bald, bald schnell.
Die Kräh’, die Dohle nebst dem Raben, die schreyen fröhlich;
doch allein,
Von ihrem Gatten blos begleitet.
Und stimmen ihre heisre Kehlen mit jenen nicht recht über-
ein;
So scheinen sie die Dissonanzen des Wollauts, in dem Chor,
zu seyn.