Abermahlige Betrachtung des Frühlings, insbesondere der darinn überall verspührt...

By Barthold Heinrich Brockes

Mein Herz, laß itzt zur Frühlings-Zeit in dir ein Freuden-

Feur entglimmen!

Beschaue, zu des Schöpfers Preise, die, von Jhm Selbst,

geschmückte Welt!

Bemühe dich, zu Dessen Ruhm, Der alles schaffet und erhält,

In einer fleißigen Betrachtung, ein frohes Danklied anzu-

stimmen.

Das allgemeine Kleid der lächelnden Natur,

Das holde Grün, bedeckt die jüngst noch welke Flur,

Mit Bluhmen überall durchwirket und gesticket.

Es ist, so weit man sieht, das flache Feld geschmücket.

Zugleich bemühen itzt die saftgen Wälder sich,

Vom Sonnen-Strahl belebt, gemeinschaftlich,

Der stündlich schwellender gefüllter Knospen Menge,

Durch ein sich mehrendes fast sichtbares Gedränge,

Und immer stärkern Trieb zu öffnen, sich zu spalten,

Und ihr verschränktes Laub allmählich zu entfalten,

Bis die vereinte Zweig’ sich durch einander strecken,

Und den begrünten Grund mit jungen Schatten decken,

Worinn das frohe Wild auf weichem Grase springt,

Mit raschlendem Geräusch, durch die verworrne Hecken,

Durch junges Farren-Kraut und dichte Büsche dringt,

Worinn sie sich bald zeigen, bald verstecken.

Inzwischen, daß fast überall,

Uns neue Freude zu erwecken,

Mit einem zwitzschernden Gepfeif und hellem Schall,

Die neue rege Schaar der bunten Vögel singt.

Da denn der reine Ton der hellen Nachtigall

So gar, den lange nicht gehörten Wiederhall

Durch ihren starken Schlag, zur süssen Antwort zwingt.

Der bunte Garten glüht, und füllt die laue Luft

Mit einem angewürzt- und Balsam-reichen Duft,

Als wie ein Rauchfaß an. Jtzt muß man sich bemühn,

Dem ungesunden Dampf der Stadt sich zu entziehn,

Und dem mühsel’gen Lerm des Hofes zu entfliehn;

Um, wie das itzt, durch GOttes Wunder-Hand,

So lieblich ausgeschmückte Land,

So angenehm, so wunderschön,

In stiller Anmuht anzusehn.

Wir wollen itzt in Feldern, Wäldern, Auen,

Des Schöpfers weise Liebe schauen!

Komm, laß uns die durch GOtt so schön gezierte Welt,

Woselbst Er Seine Huld recht sichtbar dargestellt,

Doch unsers Ansehns würdig achten,

Und das, zu unsrer Lust, geschmückte Jahr betrachten!

Komm, laß uns früh am bunten Schmuck der feuchten

Wiesen uns vergnügen,

Worauf des Thaues klan Tropfen, wie lauter reine Perlen,

liegen!

Dann wollen wir uns hie und da in kleinen, erst belaubten,

Büschen,

Die wie ein holder Labyrinth das Feld erfüllen, uns erfrischen.

Auch laß uns, nebst der grünen Pracht der Klee- und Kräu-

ter-reichen Auen,

Der Gärten tausendfärbigen und tausendförm’gen Schmuck

beschauen.

Sieh dorten einen weissen Strich von Birn- und Kir-

schen-Bäumen blühn!

Hier einen Grenzen-losen Platz in holdem Purpur feurig

glühn!

Und dort, um unsern regen Blick um desto mehr noch zu

erfrischen,

Auf jenem schönen Apfel-Baum sich alle beyde Farben mi-

schen,

So, daß ein nimmer müdes Aug, in jedem Gegenwurf ver-

gnügt,

Sich wechsels-weis’ in beyden Farben, von einer Lust zur an-

dern fügt.

Noch ziehen ungezählte Wunder, durch ihre Pracht und

Schönheit, dort,

Mein ernstes Denken mit sich fort;

Das aber ihren Schmuck verstellt: denn, wer kann jemahls

der Natur,

In ihren Mahlereyen, gleichen?

Kann unser Sinn die holde Schöpfung und schöne Farben

wohl erreichen?

Kann jemand wohl die zarte Spur

Der unbegreiflichen Erfindung und die verborgnen Künste

finden?

Kann wohl ein Mensch die Art der Handlung und ihre Wir-

kungen ergründen?

Weiß jemand wohl so anzulegen, wie sie, in ungespührter

Kleinheit?

Weiß jemand etwas zu vermengen in solcher dünn- und

zarten Feinheit,

Wie wir, in Knospen, welche blühn, und woraus endlich

Frücht' entstehn,

Ja, in der Pflanzen grossen Menge fast stets auf andre Weise

sehn?

Da die Gedanken nun nicht fähig so fremder Arbeit nachzu-

spühren,

Wie kann es doch die Spraye thun? Wo nimmt man immer

Worte her,

Gefärbt mit solchen schönen Farben? Und welcher Kraft fiel

es nicht schwer,

Mit solchem süß- und holdem Oel, den zarten Bau zu balsa-

miren;

Mit solchem angewirzten Duft, der unerschöpflich sie um-

ringt,

Und nach dem Leben vorzustellen den Balsam, der aus ihnen

dringt!

Wir wollen itzt denn aus dem Reich der stillen Pflanzen uns

erheben,

Um auf das angenehme Wesen des bunten Luft-Volks Acht

zu geben.

Hör’ und bemerke, wie so laut der Laub- und Vogel-reiche

Wald

Durch seiner kleinen Bürger Kehlen, dich zu sich einzuladen,

schallt!

Ach, leiht mir euren süssen Ton, ihr Nachtigallen, daß mein

Singen,

Durch eure Melodey beseelt, mag lieblicher und besser klin-

gen.

Ich fühl’ ein reizendes Verlangen, und, um auch einst der

Wälder Liebe

In holden Vögeln zu besingen, noch nimmer sonst verspührte

Triebe.

So bald in der erwärmten Luft der Geist der Liebe sich ver-

breitet,

Und tönend in ihr Herze dringt, fängt gleich der Vögel mun-

tre Schaar,

Auf ihren Putz bedacht, die Federn zurecht zu bringen, ziehet,

spreitet

Die bunten Flügel aus. Jhr Led, das mehrentheils ver-

gessen war,

Stimmt jeder, anfangs sanfte gurgelnd, in schwachen Tö-

nen, wieder an;

Allein, kaum daß die süsse Brunst in ihren Adern stärker rann,

So lebet alles. Jhre Freude fängt an sich gleichsam zu er-

giessen.

Man sieht und höret ihre Lust aus ihren Kehlen überfliessen

In unbeschränkter Harmonie. Die Lerche schwingt sich in

die Luft

Mit hellem Gurgeln hoch empor, bemüht, den Morgen anzu-

zeigen,

Und, ehe noch die Schatten fliehn, schon singend in die Höh’

zu steigen,

Durch den, von des noch nicht gesunknen erhabnen Thaues

feuchten Duft,

Da sie dem liederreichen Volk, aus ihrem Schlaf sie weckend,

ruft.

Aus jedem Busch, von jedem Zweige (der weich bemoset, dick

belaubt,

Und feucht annoch vom kühlen Thau, als wie ein kleiner

grüner Bogen

Sich über dieser Sänger Haupt,

So sie die ganze Nacht beherbergt, zum Schutz und auch zur

Lust, gebogen)

Erschallt ein fröhliches Concert. Durch dieß verwirrete

Gedränge,

Der in die Welt ertönenden, die Luft erfüllenden Gesänge,

Läßt sich durch einen schärfern Ton, aus allen angestimmten

Chören,

Vor andern noch am hellsten hören

Die Wald-Lerch und der Crammetz-Vogel. Indessen lauscht

die Nachtigall,

Gönnt ihnen ihre Lust aus Grosmuht, zähmt ihren siegeri-

schen Schall,

Durch den sie aller Vögel Lieder befugt und fähig zu verla-

chen,

Und nimmt sich vor die Nacht darauf noch schöner als den

Tag zu machen.

Der Hänfling pfeift aus einer Hecke, der Stieglitz zwitschert

aus den Büschen,

Die Spreen und Stahren gurgeln dort, die Dross- und Am-

seln singen hell,

Womit von tausend andern Kehlen sich lockende Manieren

mischen,

Bald wirbelnd, niedrig bald, bald hoch, geschleift und lang-

sam bald, bald schnell.

Die Kräh’, die Dohle nebst dem Raben, die schreyen fröhlich;

doch allein,

Von ihrem Gatten blos begleitet.

Und stimmen ihre heisre Kehlen mit jenen nicht recht über-

ein;

So scheinen sie die Dissonanzen des Wollauts, in dem Chor,

zu seyn.