Abermahlige Thau-Betrachtungen.

By Barthold Heinrich Brockes

Wenn das entstandne Morgenroth die Schatten Westen-

wärts verdrenget,

Und das bethaute, feuchte Feld den ersten Sonnen-Strahl

empfänget,

Der über die begrasten Wiesen, wie eine güldne Fluth, sich

legt;

Wird Millionen reinen Tropfen ein himmlisch Gläutzen

eingeprägt.

Zu Anfang sieht man hohe Kräuter, und langen Grases

schwancke Spitzen,

Durch die zuerst empfundne Glut, nur eintzeln hin und

wieder blitzen,

Biß allgemach ein tausend-färbig-und Diamanten-gleicher

Schein

Des gantzen Feldes Flächen decket: das Funckeln ist jetzt

allgemein.

Man siehet alles, was man sieht, in einem bunten Glantze

glimmen;

Es scheint der halb entzückte Blick zu gleich zu glühen und

zu schwimmen

In bunt gefärbtem Feur und Wasser, von welchem die

vereinte Pracht,

Durchs Aug’ und Hirn, in unsre Seele den angenehmsten

Eindruck macht.

Den sonst kein Vorwurf wircken kann. Man wundre sich

hierüber nicht,

Daß, da der Sonnen-Strahl im Thau sich recht als wie

ein Demant bricht;