Abnehmende Tage

By Hermann von Lingg

Written 1862-01-01 - 1862-01-01

Nach langen sonnighellen Wochen

Wie hat es heut mich überrascht,

Ich sah das Sonnlicht wie gebrochen,

Schon von der Dämmrung Flug erhascht!

Es lag ein hold und sanft Verglimmen,

Welch eine Stille auf der Welt!

Im Wald die letzten Vogelstimmen,

Die Flur vom Abendrot erhellt.

Noch war mit ihren Blumen allen

Die Wiese bunt geschmückt und reich,

Doch wie der Sense schon verfallen

Und wie von Ahnungsgrauen bleich!

Es klang ein Echo ferner Laute,

Und ach, in diesem Abend lag

Ein Etwas, das mir still vertraute:

Von heute nimmt nun ab der Tag!

Vergleichen mußt' ich's mit den Jahren,

Wo erstes Alter uns beschleicht,

Wo staunend wir und ernst gewahren,

Daß uns ein kühler Hauch erreicht.

Ob auch noch stolze Freuden kommen

Und alles uns noch glücken mag,

Doch wirklich hat schon abgenommen

Das Licht von unserm Lebenstag.