Abschied von Hyldathen.
Goldne Tag', ihr entfloht, ehe mein lauschend
Ohr
Eures reissenden Flugs sausenden Schwung vernahm,
Eh' die lechzende Zunge
Eures Kelches zur Gnüge trank.
Goldne Tage, darin jegliches Morgenroth
Mir es wehte, darin jegliches Abendkühl
Mir es säuselt: „Noch bist du
Schuldlos, Jüngling, und fessellos.
Klaget, Brüder! Sie flohn. Klaget die Flüchtlinge!
Jammernd klagt sie mein Lied. Jeglicher Laut wird
Ach,
Und verweht in den Herbstwind,
Der die Stoppel herüberbläs't.
Kalt bläs't, Brüder, der Wind; Nebel entdampft
der Flur;
Wolken klimmen herauf; Schauer und Stürme drohn.
Auf im Schauern und Stürmen,
Und geleitet den Scheidenden!
Mich entbeut mein Geschick hin, wo des Oceans
Wogendonner ein Land furchtbar und schön umbrüllt,
Wo die moosige Scheitel
Weit umschauend der Rugard hebt.
Schickung, warum so rasch? Warum so flüchtig, Zeit?
Sehnend ruft dir mein Lied. — Nicht, wie der
Thor dir ruft,
Der verzweifelnd zum Gestern,
Dem verlornen: Sey heute! spricht.
Euren strudelnden Sturz staunt' ich nicht müssig an,
Schöne Tage! Ich hielt — zeugt es, die ihr mich
kennt —
Mit der Rechten die Weisheit,
Mit der Linken die Freud' umarmt.
Nimmer lechzte mein Schwert Hader noch Bruderblut;
Nimmer höhnte mein Lied Tugend und Sittlichkeit;
Nie umrankte mich, Wollust,
Dein entmannender Circenarm.
Wonne, Wonne, noch färbt heilige Jünglingsscham
Meine Wange! Noch glänzt Unschuld und Reinigkeit
Mir im Auge; noch schau' ich
Fest dem Edler'n ins Angesicht.
Wonne, Wonne, noch straft mich der verjubelten
Stunden keine! Mich reut keine der stilleren,
Wo dein Schleier mich hüllte,
Dichterfreundin, Melancholie!
Dämmrung, werde nicht Nacht! Werde nicht starrer
Gram,
Süsse Wehmuth, wenn nun richtend die Stunde
schlägt,
Die den Bruder vom Bruder,
Die den Liebling vom Liebling trennt.
Euch, ihr Trauten, vielleicht nimmer zu sehn,
vielleicht
Euch vergessen zu seyn, wenn mein Gesang nicht
mehr
Um euch lispelt — diess fürchtet
Meine Seele, diess ängstet mich.
Euch vergessen zu seyn — Foltergedanke, dir
Bebt der trotzige Geist. Ärger, denn Gräbernacht,
Und das Grauen des Nichtseyns
Hasst mein Geist die Vergessenheit.
Nein, ihr Trauten, ihr müsst mein nicht vergessen,
müsst,
Wenn ihr Fluren durchwallt, wenn ihr in Zirkeln
jauchzt,
Wo ich wandelt' und jauchzte,
Denken eures Verlassenen.
Wenn der kämpfende Geist einstens die Fesseln
sprengt,
Ins Unendliche fleugt, Leben und Freiheit jauchzt —
Müsst ihr „Bruder“ mich klagen,
„fahr wohl, Bruder, du warst uns werth.“