Abschied von Wonna

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Written 1788-01-01 - 1788-01-01

Du, o Theure meiner Seelen,

Meine auserkorne Braut,

Die nach so viel bitterm Quälen

Mir die Liebe selbst vertraut;

Die aus einer Welt von Schönen

Sich mein Herze auserkor,

Und die mir vor allen Söhnen

Dieser Erde Treue schwor –

Hier, ach! in der trauten Stunde,

Wo ich Lieb' aus deinem Aug',

Und aus deinem Honigmunde

Paradieseswonne saug';

Wo an deiner Rosenwange

Meine heiße Wange strebt,

Und mit immer stärkerm Drange

Meine Brust an deiner bebt;

Wo dein Hauch mit leisem Fluge

Mich umsäuselt, und mein Geist

Sich bei jedem Odemzuge

In den deinigen ergeußt.

Hier, ach! in das Meer der Wonne

Fleußt ein Tropfen Bitterkeit:

Wie den Glanz der Mittagsonne

Wolkendunkel überstreut.

Dämm'rung sinkt vom Himmel nieder.

Noch, du Liebe, bin ich hier.

Zwar die Dämm'rung kommt wol wieder –

Aber ich nur nicht mit ihr.

Eh' noch mit der gold'nen Locke

Eos durch die Himmel fährt,

Stürmt die dunkle Abschiedsglocke,

Stößt in meine Brust ein Schwert.

Und das Seelenschwert im Busen,

Muß ich deinem Aug' entfliehn,

Darf nicht mehr an deinem Busen,

Nicht an deinen Lippen glühn.

Hin, wo Oceane stürmen,

Wo sich hoch vom weißen Strand

Ueberschnei'te Berge thürmen,

Werd' ich einsam hingebannt. – –

Aber stürmten gleich der Meere

Zwanzig tausend vor mir hin;

Riss' gleich eine ganze Sphäre

Mich von dir, o Lieblinginn –

Brüllt, ihr Meere, heult, ihr Winde;

Meine Wonna liebt mich doch!

Braus't herauf, des Abgrunds Schlünde,

Meine Wonna lieb' ich doch.

Ewig bleibt die Engelreine

Meiner Seele angetraut.

Ewig bleibet Wonna meine

Auserkorne theure Braut.