Abschied

By Paul Heyse

Written 1872-01-01 - 1872-01-01

Zum letztenmal

Meinen Lieblingspfad

Am Bergesabhang

Durch Rebengärten,

Wo zartverschränktes Olivenlaub

Unter den dunklen Lorbeerwipfeln

Freundlichen Schatten streut,

Wandl' ich dahin.

Still ist die Luft.

Nur ein lichtes Wölkchen

Steht regungslos

Drüben auf der weißen Stirn

Des greisen Monte Baldo,

Und die kleinen Städtchen, gelagert

Zu Füßen des Alten

Wie artige Kinder,

Torri und Garda

Mit San Vigilios Kap

Und südlicher Bardolino

Schimmern mit blanken Häuschen

Über der purpurnen Bläue des Sees

Den nicht ein Windhauch kräuselt.

Wonniger Frieden weitum.

Still atmet die Natur

Der Nacht entgegen,

Und drüben im Äther hängt

Die Mondenscheibe,

Eine Silberflocke,

Wie eine Blüte des Frühlingshimmels.

Dort aber das Haus,

Zu dem ich oft den Schritt gelenkt –

Vor dem niederen Eingang

Auf verwitterter Treppenstufe

Die spielenden Knäbchen

Verstummen, da sie mich sehn,

Das Hündchen belfert mich an,

Das magre, scharrende Hühnervolk

Stiebt auseinander,

Nur die Kaninchen fahren

Sorglos fort, die Kräuter zu rupfen

Im hohen Gras.

Und jetzt die junge Herrin der Hütte.

Der zweite Knabe

Hat die blauen Augen der Mutter,

Der ältre des Vaters Augen –

Occhi furbi.

Der mag wohl sitzen

Heut am Sonntag

In der Schenke drunten,

Über deren Tür man liest:

Al tempo perduto.

Lächelnd bietet das junge Weib

Mir guten Abend

Und steht, indem ich raste,

Vor mir, und wir plaudern

Von ihrem mühsamen Tagwerk,

Ihrer Kindersorge,

Die selten nur ihr erlaubt

Den Gang zur Messe.

Die höre der Mann statt ihrer.

Brav sei er und fleißig

Und halte sie gut.

Und das junge Gesicht

Von zarter Blässe,

Indem die Augen

Ruhn auf den Kleinen,

Strahlt von geheimem Stolz und Glück,

Wie jener Römerin,

Die ihre Kinder der Freundin zeigte

Als ihren Schatz an Kleinoden.

– Und da in der Schürze, Frau,

Was tragt Ihr her aus dem Gärtchen?

– Eine Handvoll Salat,

Heut abend zur Polenta.

Siam poveri!

O reiche Armut!

Erhalte sie dir ein gnädig Geschick

Und schütze deine Reben

Vor Hagelsturm

Und böser Krankheit

Und diese Kinderhäupter

Vor argen Gedanken,

Daß, wenn ich wiederkehre

Zu dieser Stätte,

Ich unversehrt noch finde

Deinen reichen Besitz

Am Köstlichsten der Welt:

Ein Haus voll Liebe,

Lebensgenüg' und Frieden.