Agathon an Telxione Thelxione .

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Zauber, welcher neunmal mich umwunden,

Talisman, der meine Kräfte band,

Welches Dämons Hauch' bist du zerschwunden,

Bist gesprengt von welches Heros Hand?

Weggeblasen ist der Kerkerbrodem,

Welcher schwül und ängstend auf mir lag

Lebensluft umweht mich, Lebensodem;

Golden glänzt mir der entflorte Tag.

Wo sind nun die täuschenden Gebilde,

Wo die Gaukel meiner Fantasie?

Wo die Füll' und Frisch' und Huld und Milde,

Falsche, die des Dichters Wahn dir lieh?

Wo des hohen Ideales Züge,

Das sein Rausch in dir verwirklicht sah?

Mit dem Rausche schwand des Rausches Lüge,

Und entzaubert stehst du vor mir da.

Wie? dem Geist Praxiteles entrungen

Hätte sich süssschmerzend diese Frau?

Aus dem Meissel Polyklet's entsprungen

Wär' unsträflich dieser Gliederbau?

Diese Formen trotzten jedem Tadel?

Dieses Auge sonder Ruh und Glanz,

Diese Stirne sonder Sinn und Adel

Kämpften mit Niobens um den Kranz?

Dieses, wähnt' ich, sey der Wuchs Dionens?

Dies der Flug, den Atalanta flog?

Dies der Marmorbusen Hermionens,

Draus Orest Heroen-Frohheit sog?

Dies der Honigreiche Mund Athenens,

Dem Verständigkeit und Güt' entquoll?

Dies die Tinten Anadyomenens,

Als sie blendend dem Geschäum' entschwoll?

Also lächelten die Charitinnen

Jedem Horcher durch das Ohr ins Herz?

Also wechselten die Pierinnen

Spielend frohen Ernst und weisen Scherz?

Aus des Aethers reinstem Duft gewoben

Wäre diese Seele, dieser Leib? —

Nein, die Göttinn ist in Dunst zerstoben,

Und geblieben ist ein sterblich Weib.

Dejanirens Lieb', Ismenens Güte,

Iphigeniens himmelklarer Sinn,

Jede Unschuld, jede Schöne blühte,

Wie ich wähnt', in dieser Heuchlerinn!

Jeder Tücke, wähnt' ich, jedes Zwanges

Sey sie ledig; blank und frank und frey

Sey nicht Daphne werther des Gesanges

Als es diese meines Hymnus sey.

Wie der Künstler an dem Ideale

Seines Geistes hängt mit süssem Hang,

Wie aus Hebens nektarvoller Schale

Der Alcide die Vergött'rung trank;

Also hing an ihr ich mit Entzücken,

Ihr verlobt, vertraut mit Schwur und Eyd.

Lüstern schöpft ich aus den falschen Blicken

Die Verdammniss und die Seligkeit.

Ihr zu dienen sonder Dank und Spende,

Ihr zu frohnen sonder Sold und Lohn,

Ihr zu huld'gen sonder Ziel und Ende,

Däucht' ein Loos mir wie kein Königsthron.

Was an Schätzen mir die Vorzeit lehnte,

Draus zu zinsen an die Afterzeit,

Zinst' und zahlt' ich einzig ihr und wähnte

Anspruchfrey mich für die Ewigkeit.

Und sie zahlt' auch mir mit manchen Blicken,

Manchem meinungreichen Wink und Gruss,

Manchem heuchlerischen Händedrücken,

Manchem halbgewehrten, halbvergönnten Kuss.

Kärglich zahlte sie. Und was die Schlaue

Gestern zahlte, nahm sie heut zurück.

Willig trug ich ihre Laun' und Laue;

Glaubt' ich doch an ihrer Liebe Glück!

Ihrer Liebe? Nimmer noch geliebet

Hat dies Weib, und nun und ewiglich

Wird von diesem Weibe nichts geliebet,

Als sein eignes armes hohles Ich.

Nein, zerronnen ist der Traum, zerronnen,

Welcher funfzig Monden mich bethört,

Und das Netz das magisch mich umsponnen,

Zauberinn, ist durch dich selbst zerstöhrt.

Von den wundgeriebnen Hüften fallen

Schon die rost'gen Ketten klirrend ab.

Freudiger des Lebens Bahn zu wallen,

Raff' ich auf mich aus der Knechtschaft Grab;

Prüfe schon mit wollustvollem Dehnen

Der gelähmten Muskeln Federkraft,

Übe schon die kampfentwöhnten Sehnen,

Von der langen Sklaverey erschlafft.

Dem Entscharrten sey gesegnet, Sonne!

Dem Entschwommnen sey willkommen, Strand!

Angezogen von des Wettkampfs Wonne

Schreit' ich rüstig in den Schrankensand;

Wie Alkmäons Sohn, der Niegezähmte,

Sich dem Arm der Lyderinn entschlang,

Hydern würget', Ais Doggen zähmte,

Und gewaltig den Olymp errang