Agnes an Ungenand.
Dein Agnes schreibet hier mit Banden an den
Händen
Mit Riegeln wohl verwahrt die mehr als stäh-
lern seyn
Mit Finsternüs umbstrickt verwacht an allen Enden
Wer aber liefert dir diß kleine Schreiben ein?
Ich muß itzund aus Noth dergleichen Leuthen trauen
Da keine Höfligkeit ie eingewurtzelt hat
Wird ein verdächtig Aug’ auf meine Zeilen schauen
So find die gantze Welt hier neue Missethat.
Es zeiget mir itzund das schlüpffrige Gelücke
Wie seine Schmeicheley die Welt berücken kan
Zuvor erqvickten mich die Strahlen deiner Blicke
Jtzt schaut ein Scherge mich mit schelen Augen an.
Ein Hertzog küste mir vor diesem Haud und Armen
Jtzt schleust man meinen Leib in Ketten und in Band
Vor schaut ich nichts als Neid itzt schau ich kein Er-
barmen
Und bin ein Gauckel Spiel vor dieses gantze Land.
Diß macht der Purpur Rock damit du mich umgeben
Diß macht dieweil dein Geist dem meinen wolgewolt
Der Kuß den ich empfing der bringt mich umb das Le-
ben
Denn das du mich geliebt ist meine gröste Schuldt.
Wie leichtlich irren doch die Circkel unsrer Sinnen
Wie macht das Hofnungs Glaß uns alles viel zugroß.
Ich meint’ ich würde nun forthin nicht fallen können
Ich wolte Göttin seyn und nicht ein Erdenkloß.
Ich meint’ ich were nur vor Fürsten Bluth erkohren
Es were nur mein Mund gekrönter Küsse werth
Ich glaubte nicht daß mich ein Bürgers Weib geboh-
ren
Wie aber hat die Zeit mir diesen Wahn verkehrt?
Dein Vater hat mich recht auch meinen lassen wissen
Und gründlich kund gethan wo ich entsprossen bin
Den Purpur hat er mir vom Leibe weggerissen
Und jagt mich itzt entblöst in ein Gefängnüs hin;
Hier muß ich mich gebückt in Ketten lassen legen
Wie drückt das Eisen doch itzt meine zarte Handt!
Wie mir zu Muthe sey das kanstu leicht erwegen
Dann dir ist mein Gemüth und auch mein Leib bekant.
Mein Albrecht scheu dich nicht mein Schreiben zu
durch lesen
Es komt von dieser her die du hast hoch geschätzt
Schau was ich itzund bin du weist was ich gewesen
Und wie manch feüchter Kuß hat deinen Mund ergetzt.
Send’ einen Seuffzer nur auf meine schwere Bande
Dann keine Rettung ist vor mich auf dieser Welt
Ach were nicht mein Blut von allzuschlechtem Stan-
de
So würd’ ich dir und nicht dem Tode zugesellt!
Ich dürffte nicht wie itzt bey Henckers Buben leben
Man salbte meinen Leib mit frembden Balsam ein
Es müste Seid und Gold umb meine Lenden schweben
Und Agnes müste Braut des jungen Hertzogs seyn.
Es würde dieses Land Gelück und Segen ruffen
Man würffe mir erfreut des Frühlings Kinder zu
Ich hätte nichts als Lust und nichts als Ruhm zuhoffen
Und meiner Schätze Schatz O Hertzog! wärest du.
So muß sich die Natur das Glücke meistern lassen
Und Menschendreuungen sich machen unterthan
Muß schauen wie man sie mit Satzung will verfassen
Die auch der Richter selbst nicht leichtlich halten kan.
Da muß ein hoher Geist nicht hoch und edel heissen
Der nicht in Cronen sitzt und aus dem Purpur schaut
Muß den in Dinstbarkeit zu ehren sich befleissen
Der oft aus schlechtem Zeug ist worden aufgebaut.
So muß das Silber offt gemeinem Ertzte dienen
So muß ein kluger Knecht vor einem Herren stehn
Der wie der Monde nur durch frembdes Licht geschie-
nen
Und sonder Ahnen nicht darf vor die Thüre gehn.
Doch will ich meinen Hals dem Joche nicht entziehen
So die Gewohnheit hat dem Menschen aufgelegt
Man muß die Last mit Lust zutragen sich bemühen
Wenn dieser es befihlt der Kron und Scepter trägt.
Ich leide was ich kan es wird nicht ewig wehren
Die Kete nützt sich ab die Stricke gehn entzwey
Es muß der Menschen Zorn sich in sich selbst verzehren
Und wer gebunden lebt wird nach dem Tode frey.
Was mich itzt trösten kan ist daß ich nichts verübet
Worauf das strenge Recht das Feuer ausgesetzt
Ein Fürst hat mich begehrt ich hab ihn auch geliebet
Und meine Seele war der seinen werth geschätzt.
Ach Fürst läst deine Brunst noch etwas Thränen flies-
sen
Geht ein getreues Ach durch deinen schönen Mundt
So wisse das mir diß wird meine Noth versüssen
Wer aber machet mir die treue Zeichen kund?
Doch kan ich dein Gemüth und deinen Geist erkennen
So weiß ich das dich wird bewegen meine Noth
Du wirst in kurtzen diß die ärgste Zeitung nennen
So zeitlich kommen wird: Jtzt ist dein Agnes todt!
Ich weiß das letzte Wort vergleicht sich Donnerschlä-
gen
Besonders wenn du denckst an diesen schönen Tag
Als du mich hast geführt auf deinen geilen Stegen
Und dein erhitzter Mund auf meinen Lippen lag;
Genug! mein Fürst und Herr was soll ich ferner schrei-
ben?
Geneuß der Jugend Lust gebrauche dich der Welt
Du kanst auf deinem Stuhl und in dem Purpur blei-
ben
Ob deine Liebe gleich durch einen Hencker fällt.
Die Ehre hat mir noch dein Vater nicht entführ et
Daß ich gezeichnet bin durch deinen ersten Kuß;
Ob meinen schwachen Leib gleich Gluth und Bluth
berühret
So weiß ich daß man mir diß Kleinot lassen muß.
Nunmehr gedenck ich bald aus böser Hand zukommen
Der Agnes bestes Theil O Fürst! beruht bey dir
Hast du die Rosen mir vor diesem abgenommen
So findet unser Feind die Dornen nur allhier.