Aloe Menschlichen Lebens Bey Beerdigung Fr. A. G. g. B. den 16. April 1673.

By Heinrich Mühlpfort

Es buhlet noch die Welt mit ihren schönen Sünden

(wo Laster schöne sind und Tugend ungestalt)

Man wird die Aloe in solchem Mißbrauch finden

Als sie im Morgenland bey Uppigkeiten galt.

Jhr Bette steht geschmückt mit köstlichen Tapeten

Das Lager ist mit Myrrh und Aloe besprengt.

Auf! spricht ihr glatter Mund last uns die Sorgen tödten

Weil noch der Jugend-Strauch voll Purpur Rosen hängt!

Egypten nicht allein hat Schwelgerey getrieben

Zum Werckzeug süsser Lust die Aloe gebraucht

Die sinds: Die in die Welt sich allzusehr verlieben

Und derer Fleisch und Blut voll toller Brünste raucht.

Es hat der Persier die Götter mit versöhnet

Und in die Opffer-Glut die Aloe gestreut.

Wo Lüste Götzen seyn so werden sie bekrönet

Wenn unser Hertz und Sinn dem Zeitlichen sich weiht

Die Aloe wird alt eh’ sie kan Früchte bringen

Viel Menschen die verblühn im Leben ohne Frucht.

Die Blüth muß mit Geplatz auß ihrer Knospe dringen:

Von uns wird auch die Welt erst mit Geschrey besucht.

Mehr ist die Aloe in sondrer Schärffe bitter:

Ach wie viel Bitterkeit quält nicht deß Lebens Ziel!

Pracht Hoffart Geitz und Neid die Stachel der Gemüther

Sind in uns da sie dort nur umb der Pflantze Stiel.

So scheint die Aloe in den verkehrten Sinnen

Wenn sie der Mißbrauch nutzt und eitler Wahn erwegt;

Da wir die Würckung doch viel anders finden können

Weil ihr deß HErren Wort weit beßre Krafft zulegt.

Rühmt nicht der Bräutigam der Sulamithin Garten?

Wo ein versiegelt Brunn Gewächse voller Zier

Wo die Granaten stehn und Früchte von viel Arten

Wo Myrrh und Aloe geht andern Würtzen für.

Ja ist nicht seine Braut mit Aloe gekleidet?

Und läst er seinen Leib darmit nicht salben ein?

Weil diese Pflantze nun nicht Stanck noch Fäulnüß leidet

Kan sie der Sterbligkeit ein klarer Spiegel seyn.

Es darff die neue Welt uns selbte nicht gewehren

Soccotra wird hierumb noch Spanien begrüst.

Nein unser Schlesien erfüllet das Begehren

So aller Fruchtbarkeit gesegnet Schatz-Haus ist.

Sie hatte dreyssig Jahr sich zur Geburt geschicket

Da sie auf hundert sonst das Alter hat geschätzt

Als aus der grünen Schoß der Blüthen Pracht geblicket

Und sie auff achtzehn Schuh den Stängel hoch gesetzt.

Die Armen streckten sich als wie die Leuchter-Cronen

Und wiesen ihre Blum Aurorens Tochter vor.

Es schien die Mutter selbst im Himmel nicht zu wohnen

Als sich die Aloe so prächtig hub empor;

Sie war deß Garten Ruhm und Wunderwerck zu heissen

Doch ließ die Flora bald ein Bild des Sterbens seyn

Indem nach kurtzer Zeit sie muß die Blüth abschmeissen

Und gar von Wurtzel auß verliehren Pracht und Schein.

Steht unser Lebens-Baum nicht in dergleichen Schrancken?

Mahlt uns die Flüchtigkeit nicht unsern Zustand ab?

Nach so viel Angst und Müh und sorgsamen Gedancken

Nach höchster Ehr und Pracht führt uns der Tod ins Grab.

Doch ist die Aloe des Lebens das wir führen

Bey wahren Christen nie ohn angenchme Krafft.

Wie jene die Artzney kan durch ihr würcken zieren

So thuts der Tod allhier der grössern Nutzen schafft.

Es kan

So Ehr und Lebens satt zu ihren Vätern geht

Daß gleich der Aloe das Creutz sey zu erheben

Wenn Hoffnung und Gedult uns an der Seite steht.

Vor alle Seuch und Pest bey angesteckten Zeiten

Wird jene hochgerühmt als eine Panace:

Jhr war vors Sünden-Gifft ja vor der Höllen-Streiten

Selbst der am Creutze stund die heilsamst’ Aloe.

Der Safft der Aloe sind Thränen die wol riechen

Jhr thränendes Gebet hat GOtt auch angehört.

Sie ist von seinem Wort und Troste nie gewichen

Jhr Balsam war der Mund des Priesters der gelehrt.

Gleich wie die Aloe hat sie allhier geblühet

Der Söhn und Töchter Heil im besten Stand gesehn:

Wenn jene nimmermehr das Leben wieder siehet

Wird sie ein ewig West der Herrligkeit anwehn.

Das Holtz der Aloe soll es recht kräfftig werden

So wird es klein zerhackt in kühlen Sand verscharrt:

Auch dieser Cörper muß vor in den Schoß der Erden

Biß er den grossen Tag des Aufferstehns erharrt

Es mag der schwartze Mohr die Mumie bereiten

Und vor die Fäulnüß sie mit Kreid und Gips umbziehn

Nicht Myrrh und Aloe samt andern Kostbarkeiten

Macht daß sie kan dem Zahn der grimmen Zeit entfliehn.

Last das Hebreer-Volck mit Cedern Safft begiessen

Mit Narden und Amom des Cörpersleeres Haus:

Diß Balsamiren wird auch mit der Zeit zerfliessen

Statt aller Specerey gewehren Asch und Grauß.

Und von dem Nero ist es ein unsinnig Rasen

Der seinen Balck Poppen so schätzbar hat verbrand

Weil die gewürtzte Gluth mehr Weyrauch auffgeblasen

Als sonst in einem Jahr schickt der Araber Land.

Aus solcher Asche hat kein Phönix können steigen

Ob schon der schönste Pfau ihr Bild vergöttert hat

Und muste schon das Rom es loben oder schweigen

So schilt die Nachwelt doch dergleichen Missethat.

Ach eitle Gräber Pracht! wo Asch und Koth soll leben

Wo Myrrh und Aloe der Todten Balsam seyn.

Wird uns die Tugend nicht mit ihrem Ruhm umbgeben

So salbet man umbsonst die schlotternden Gebein.

Es ist die

Betrübtste mindert hier der bittern Thränen-See

Sie hat bey männiglich ein gutes Lob erworben

Und blüht in GOttes Hand ein ewig Aloe!