Als er im Lieben vorsichtig seyn wollte

By Johann Christian Günther

Written 1709-01-01 - 1709-01-01

Glaubt es nicht, ihr falschen Blicke,

Daß ihr mich ins Neze zieht,

Weil mein Herz auch goldne Stricke

Und gepuzte Brücken flieht.

Farbe kan den Geist wohl stärcken,

Und der Mienen Schmeicheley

Dient wohl oft zu Satans Wercken,

Aber nicht zu wahrer Treu.

O wie manchem kömmt der Glaube

Mit der Nachreu in die Hand,

Wenn er bey verbuhltem Raube

Kraft und Kosten aufgewand.

Wie das Morgenroth dem Tage

Wind und Regen prophezeit,

Also kommt ein Haus voll Plage

Durch ein Kind der Eitelkeit.

Blumen stehn in ihrem Kleide

Auf den Feldern noch so schön

Als auf Leinwand oder Seide,

Wo sie Strich und Kunst erhöhn;

Mir gefällt bey netten Sachen

Stets die Einfalt der Natur,

Und wo fremde Wangen lachen,

Sieht mein Eckel gleich die Spur.

Überhaupt blüht mein Vergnügen

Noch bis jezo ganz allein;

Soll was Süßes bey mir liegen,

Muß es nur die Freyheit seyn,

Weil mein Geist an ihrer Seite

Lauter Himmelsträume spürt,

Ob gleich Belgrads reiche Beute

Eben nicht mein Lager ziert.

Zwar ich will es nicht verschwören,

Weil die Liebe, wie man sagt,

Die, so ihr den Rücken kehren,

Öfters unverhoft erjagt;

Ich befind auch mir im Herzen

Einen Zunder, der leicht fängt,

Wenn der schönen Kinder Scherzen

Lust und Glut ins Auge senckt.

So weit kann ich mich vermeßen,

Daß mich wohl kein Kind berückt,

Deßen Anmuth und Caressen

Nicht der Tugend Wohlstand schmückt;

Find ich Wiz und Treu beysammen

Und Vernunft und Zucht vermehlt,

O so will ich gern die Flammen,

Deren Reizung zärtlich quält.