Als er sich über seinen unglückseeligen Zustand beklagete

By Johann Christian Günther

Written 1709-01-01 - 1709-01-01

Alles eilt zum Untergange,

Nur mein hart Verhängnüß nicht.

Harter Himmel, ach wie lange

Zeigstu sein erschröcklich Licht?

Soll er mir jezund erscheinen,

O so gieb ihm bald sein Amt,

Eh mich ein verzweiflend Weinen

Noch zu größrer Noth verdammt.

Ich, ein Mensch von schlechtem Zeuge,

Kan mir selbst nicht widerstehn,

Daß ich kaum gelaßen schweige,

Wenn die Wellen höher gehn.

Fleisch und Blut behält im Schmerzen

Über die Vernunft das Feld,

Und die Hofnung steckt im Herzen,

Welches keinen Mensch erhält.

Hätt ich Boßheit im Gemüthe

Oder an den Lastern Lust,

So verzieh ich mich der Güte

Deiner treuen Vaterbrust.

Aber ach, so wirstu finden,

Prüfe Mienen, Herz und Sinn,

Daß ich bei den Schwachheitssünden

Doch nicht sonder Buße bin.

Zwar sind, die noch ärger leben

Und mit Lastern Schaden thun,

Die läst du im Glücke schweben

Und in seinem Schooße ruhn;

Sie verschwenden deinen Seegen

Nur zu Troz auf meinen Fall,

Handeln, wie die Thoren pflegen,

Doch geräth es überall.

Ich bezwinge mich hingegen,

Brauche des Verstandes Kraft

Und bemüh mich nach Vermögen

Um Gedult und Wißenschaft;

Gleichwohl ist in allen Sachen

Auch mein bester Rathschluß blind,

Daß sich's die zu Nuze machen,

Die mir feind und schädlich sind.