Als er sie an einem ufer schlafen fand. C. H.

By Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

Jhr lieblich rauschenden, ihr spiegel-gleiche sluthen!

An deren ufer hier fast wider mein vermuthen,

Die müde Celie im schlafe träumend liegt,

Und, wie ein schiff von euch, von selbem wird gewiegt;

Euch rath ich, schaut nicht her zu dem entblösten beine,

Jhr bleibt sonst stille stehn, und würdet gar zu steine,

Wie euch, ihr wist es noch, schon einmal ist geschehn,

Da ihr, gesteht es nur, etwas zu weit gesehn.

Fliest, sag ich, fliesset fort, geht, wo ihr hingehöret,

Denn wo die liebe hier den lauff der fluthen störet,

So ists um euch geschehn; ihr wist es ja noch wohl,

Daß eure nässe sich vorm feuer hüten soll.

Die ufer mögt ihr wohl nach eurer wollust küssen,

Auch um das schilff und rohr nach eigner regung fließen,

Ja auf die buhlerey zu fremden flüssen gehn,

Nur last mir meine bahn unangetastet stehn.

Ich kan, ich schwer es hier, ich kan es nicht vertragen,

Daß sich ein kahler fluß will an die göttin wagen,

Die fast, wo ihr nicht fromm, die hier so nasse bahn

Durch ihrer blicke macht in grund vertrocknen kan.

Rauscht, rauscht ihr wogen fort, und macht hier nicht viel wesen,

Sonst muß ich hefftiger euch das capitel lesen,

Ja gar durch Celien euch denn zur strafe ziehn,

Der ihr, wofern ihr folgt, noch itzund könt entfliehn.

Nun, es ist euch gesund, daß ihr euch lassen rathen,

Und eure wellen heist an andre ufer wathen,

So bleibt ihr schaden-frey, und seyd weit mehr vergnügt,

Als einer der, wie ich, in liebes fesseln liegt.

Du aber, schönstes bein! vergönne, daß ich wache,

Damit nicht sonst sich was an deinen marmel mache,

Ja gar was anders thu, als ich noch nicht gethan,

Wer ists, der allemal der gluth entgehen kan?

Doch laß mir dieses zu, daß ich dich mag beschauen,

Und hier ein freuden-schloß vor mein gesichte bauen,

Du bist vorher meist bloß, drum kost es wenig müh,

Daß ich das übrige von dir herunter zieh.

Mein zweck geht dahinaus die adern zu befühlen,

Und werd ich gleich etwas auch mit den waden spielen,

So macht doch dirs nicht viel, es ist ja menschen-fleisch,

Als wie das meine ist, ich bleibe doch wohl keusch.

Der seidne scharlach-strumpff der hält mir ziemlich feste,

Doch seh ich allbereit der rosen-ader äste,

Und inseln, die sie macht; wie sie zun zehen fliest,

Und da den purpur-safft in alle zweiglein giest.

Doch pflegt auch wohl der fluß mir irgend zuzusehen?

Weiß er vielleicht nicht mehr, was ihm vorher geschehen?

Jhr fluthen! bleibt ihr stehn? was soll doch dieses seyn?

Was dringt ihr euch denn so um dieses bloße bein?

Ich schwer euch bey dem schlaf, in dem die Göttin lieget,

Wofern ihr euch nicht bald von hinnen weg verfüget,

Es soll euch denn gereun, zumal wenn sie erwacht,

Da weiß ich allbereit, was sie vor blicke macht.

O ungeschlachte zeit! wie ist man nicht geplaget,

Wenn man ein mädgen hat, die einem wohl behaget!

So thät es warlich noth, man setzte wachen hin,

Sonst sucht ein jeder da den süßen liebs-gewinn.

Man kan vor andern fast itzund nichts mehr behalten,

Darzu so will die treu der mädgen auch veralten,

Die goldne zeit ist weg, da zwey sich recht gemeynt,

Man spürt nicht mehr, daß itzt die treu so helle scheint.

Doch wo verfall ich hin? ich bin ja bey dem beine,

Ich bin, ja ja ich bin, bey diesem nur alleine,

Was übermannet mich denn hier die eifersucht?

Ich habe ja ihr garn zu aller zeit verflucht.

Was bild ich mir denn ein, als giengen auch die flüsse

Zu meiner schönsten hin, und sammleten da küsse,

Die mir gehörig seyn? ach das ein kalter fluß

Mich doch zur eifersucht itzund bewegen muß!

Das wasser weiß ja nichts von schönheit und von lieben,

Noch wie es soll das thun der liebenden verüben,

Es fehlt ihm ja verstand! doch nein, itzt fällt mirs ein,

Daß die gewässer auch verliebet können seyn.

Verliebte thränen giebts, die uns weit mehr entzünden,

Als wenn durch flammen man uns sucht zu überwinden,

Die augen brennen mehr, wenn sie voll wasser stehn,

Als wenn sie ohne das herum im kopffe gehn.

Drum bin, und hab ich recht, daß ich den fluß beneide,

Damit er seine fluth nicht an der schönsten weide,

Es ist gar leicht geschehn, daß man ein bündniß macht,

Dabey der dritte man wird hönisch ausgelacht.

Das graß hier wird mich auch bald eifersüchtig machen,

Es scheint, als säh ich es vor lauter hochmuth lachen,

Weil Celie diß drückt, und hier ihr lager hält,

So meynts, es sey dis ihm zu ehren angestellt.

Wie? wacht sie irgend auf? mich deucht, daß sie sich regte,

Und daß ihr athem sich etwas zu sehr bewegte,

Als eines, der sich nun dem schlaf entziehen will,

Und dessen müdigkeit erreicht ein besser ziel.

Doch nein, sie schläft ja noch, und zwar so ziemlich feste,

Sie schläft, und dieses ist vor mich itzt auch das beste,

Sonst würd es schlecht bestellt um ihre gnade seyn,

Ich glaub, ich schusterte heut alle wollust ein.

Denn daß ich mich allhier bey diesem lieben kinde,

Und da ihr bein entblöft, alleine nur befinde,

Das nähme sie wohl nicht zum allerbesten an,

Und dächte, wunder! was ich irgend ihr gethan.

Die furcht bemeistert mich, ich werde müssen weichen,

Eh noch ein sturm-wind kan in meinen vorsatz streichen;

Doch eh ich weiter geh, so nimm, o schönster fuß!

Von mir, zur danckbarkeit, den höchst-verpflichten kuß.

Und du, sein bestes theil, du marmel-gleiche wade!

Vergönne, daß ich dich mit einem auch belade,

Wer weiß, obs noch einmal so das geschicke schickt,

Daß mich dein bloßer blick wie diesesmal erquickt.

Nun laß noch meine hand an deine liljen fühlen,

Laß eine männer-hand mit deinem fleische spielen:

Wie gerne zwickt ich dich aus brünstiger begier,

So sehr, als es erlaubt; doch nein es möchte hier,

Die schöne schlafende zu balde munter werden,

Und auch mit ihr, vor mich die zornigen gebehrden,

Drum muß ichs lassen seyn. Ein theil der klugheit ist,

Wer in dem lieben ihm die mäßigkeit erkiest.

Was mach ich? bleib ich hier? wie? oder soll ich gehen?

Wie? oder soll ich nur da in der nähe stehen,

Wo ich sie sehen kan? was faß ich hier vor rath?

Ich geh, weil sich mein sinn zu was entschlossen hat.

Jhr grünlich scheinenden und fast betrübten fluthen,

An deren ufer hier fast wider mein vermuthen,

Die schöne Clelie im süßen schlummer liegt,

Der sie, als wie ein kind, in einer wiege wiegt;

Euch bitt ich, tretet her, zu dem entblösten beine,

Und last mir meinen trost bey leibe nicht alleine;

Verzeiht mir, was vorher ist unter uns geschehn,

Wacht wohl, ich geh wohin, wo sie mich nicht kan sehn.