Am achtzehnten Sonntage nach Pfingsten

By Annette von Droste-Hülshoff

Written 1822-01-01 - 1822-01-01

Sechs Tage sollst du tun

Dein Werk mit aller Treue;

Und sollst am siebten ruhn,

Er trägt des Herren Weihe.

So ward es uns gesetzet

Und also folgen wir,

Recht wie den Schnabel wetzet

Das lüstern stumpfe Tier.

Der feiert bei dem Spiel,

Und jener bei der Flasche,

Sinnt jeder lang und viel,

Wie er sich Lust erhasche.

Was nicht den Herrn mag loben,

Und was den Sinn betört,

Wem wird es aufgehoben?

Dem heil'gen Sonntag wert.

Ja, wenn man häufen mag

Der ganzen Woche Sünden

Gen was an diesem Tag

Muß seine Ernte finden,

So wird, o Schmach! es zollen

Wie gen gehäuftes Maß,

Von dem die Körner rollen,

Zwei Ähren, so man las.

Stehn denn die Kirchen leer,

Flieht seinen Herrn der Sünder?

O wenn dem also wär'!

Der Frevel drückte minder,

Doch aus dem Weihrauchwallen,

Das unsern Gott umfließt,

Zu des Verderbens Hallen

Man wie ein Geier schießt.

In alten Bundes Pflicht,

Als keimend noch die Gnade

Und dämmernd nur das Licht

Fiel auf der Menschen Pfade:

Da trug der Sünde Flecken

Noch nicht der Sabbat, doch

Mußt' er den Gläub'gen schrecken,

Ach, wie ein eisern Joch.

Wohl mag es töricht sein,

Dem höchsten Gott zu Ehren

Zu liegen wie ein Stein,

Und jeder Regung wehren;

Doch eitlen Lüsten fügen

Der Sinne kirren Bund –

O besser zehnfach liegen

Wie eine Scholl' am Grund.

So hat der Heiland nicht

Den alten Bund gehoben:

Durch Taten wie das Licht

Sollst du den Höchsten loben!

Sei mit der milden Spende

Der Arme dir gegrüßt:

Nicht unrein sind die Hände,

Aus denen Segen fließt.

Und wer gering und klein

Im Schmerzenslager rücket,

Wo schlimmer als die Pein

Verlassenheit ihn drücket,

Verbinde dessen Wunden

Und lächle ihm dazu;

Dann hast du sie gefunden

Die echte Sabbatsruh!