Am dreiundzwanzigsten Sonntagenach Pfingsten

By Annette von Droste-Hülshoff

Written 1822-01-01 - 1822-01-01

Wenn oft in kranken Stunden

Sich auf mein Schuldbuch schlägt,

Der Skorpion an Wunden

Hat stechend sich gelegt:

Weiß ich dann noch

Was zu beginnen?

Der Leib ein modernd Joch

Und ein Gespenst was drinnen!

Hab' ich so viel begangen

Denn in so kurzer Zeit,

Was wohl zur Schmach gelangen

Möcht' einer Ewigkeit?

Ich bin zerstört,

Ich bin vernichtet,

Und langsam abgekehrt

Ins Nichts mein Blick sich richtet.

In solchen Augenblicken

Steht meine Seele still,

Darf nicht Gedanke rücken,

Gefesselt liegt der Will'.

Und Schlafes Macht

Muß ich beschwören

Die angsterfüllte Nacht

In Träume zu verkehren.

Doch jetzt, wo klar die Sinnen,

Wo mein Gedanke frei,

Jetzt darf mein Flehn beginnen,

Allgnäd'ger, steh mir bei!

Zu solcher Zeit

Ohn' Trost und Beten,

O dann an meine Seit'

Laß deinen Engel treten,

Daß ich im Kampf bestehen

Die dunkle Stunde kann,

Und nicht verloren gehen

In meiner Ängsten Bann.

Herr, nicht wirst du

Umsonst mich quälen,

Hast wohl ein Ziel der Ruh'

Für mattgehetzte Seelen!

Wüßt' ich aus mir zu tragen

Den Balsam in den Gift,

Wer hat mich so geschlagen

Wie deine heil'ge Schrift:

Dem, der vergibt,

Wird Heil und Leben!

Wie mich es, Herr, betrübt,

Daß nichts ich zu vergeben:

Vielleicht ein Mißbehagen,

Ein armes Fünkchen Neid;

Es tat ja meinen Tagen

Noch keiner rechtes Leid,

Und unverdient

War nur das Lieben.

So ist was, ach, dich sühnt,

Kein Opfer mir geblieben.

Doch weil du es geboten,

Spricht aus des Herzens Grund

So Lebenden als Toten

Vergebung aus mein Mund.

Und was noch mag

Mir sein beschieden

An Kränkung oder Schmach,

Was noch vielleicht hienieden

In meiner Zukunft Buch

Hast gnädig angeschrieben,

Ich kann es nicht genug

Ersehnen, schätzen, lieben,

Den Hoffnungsstern

In meinen Qualen.

Herr, hab' Geduld, denn gern

Will alles ich bezahlen!