Am Fenster

By Hermann von Lingg

Written 1862-01-01 - 1862-01-01

Eine Mücke, weiß gekleidet,

Will hinaus durchs Fensterglas,

Ist mein Zimmer ihr entleidet?

Sucht sie draußen was?

Achtet sie so hoch die Ehre,

Daß sie dort ein Frosch verzehre?

Daß ein Spätzlein sie verspeise,

Daß sie in der Spinne Netz

Sich verirr' auf ihrer Reise?

Laut Naturgesetz

Zappelt sie, vor Lust zum Sterben,

In ihr eigenes Verderben.

Aber von dem gleichen Drange

Ist die ganze Welt erfüllt;

Nach dem eignen Untergange,

Vor sich selbst verhüllt,

Drängt sich Groß und Klein auf Erden,

Alles will vernichtet werden.

Nach dem Rächer, nach dem Falle

Schreit der Stolz, das blinde Glück;

Die zu große Macht weist alle

Mäßigung zurück.

Nur durch Härte will sie siegen,

Und so bricht, was nicht zu biegen.

Wissensdurst mit wächsernen Flügeln

Stürzt sich in die Sonnenbahn,

Ehrfurcht schürt zu Feuerhügeln

Selbst den Holzstoß an;

Um die Liebe schlägt zusammen

Ihre Glut in Todesflammen.