Am frühen Morgen

By Paul Heyse

Written 1872-01-01 - 1872-01-01

Verschlafen glimmt der Morgen herauf,

Die Sterne versanken.

Ich stütz' in meinem Bette mich auf

In dunklen Gedanken.

Des Mondes bleiche Sichel verschwimmt

Hoch oben im Blauen.

Mein lauschend Ohr nur leise vernimmt

Ein rieselndes Tauen.

Kein Menschenlaut, kein Vogelsang

In dämmernder Weite.

Ein einzler Kahn fährt unten entlang,

Ein Totengeleite.

Zum Friedhof drüben rudert er fort

Mit lässigem Kiele.

Der schlichte Sarg ragt über den Bord,

Bald ist er am Ziele.

Du Armer, den zu Grabe man fährt,

Bald bist du geborgen.

Doch hast du gern den Rücken gekehrt

Dem tauenden Morgen?

Ein bunter Kranz umwindet dir heut

Die hölzerne Truhe.

Hast lebend wohl nicht oft dich erfreut

So spät noch der Ruhe!

Und doch – wie jetzt die Sonne sich hebt,

Wer wünschte zu scheiden

Vom goldnen Licht, und hätt' er erlebt

Nur Sorgen und Leiden!

Vom Lager spring' ich glühend, als sei

Ein Glück mir begegnet.

Du neuer Tag im sprossenden Mai,

O sei mir gesegnet!