Am Kamin

By Otto Julius Bierbaum

Written 1883-01-01 - 1883-01-01

Draußen bläst der Wind und fegt

Flocken an die Fensterscheiben,

Mürrisch patrouilliert der Mond

Hinter dicken Wolkenwällen.

Am Kamin sitz ich und stütze

Meine Füße auf das Gitter,

Und ich starre in die Gluten,

In das heiße, helle Sterben.

Wie die Flammenzungen zucken,

Diese roten Schlangenzungen;

Kleine blaue Flackerflämmchen

Beben wie erschrockene Seelen,

Und glutgoldene Flammenschwerter

Stoßen unablässig blitzend

In die leere Luft.

Hinter mir auf eichenem Tische

Singt der Samovar sein leises

Seufzerlied, auf dem Gesimse

Des Kamins tickt silbertönig

Die Pendüle; wie in Aengsten

Fegt die goldene Pendelscheibe

Hin und her.

Sinkt mir auf die Brust der Kopf,

Bebts im Herzen mir wie Traum:

„Mai und Blüten, Mai und Blüten,

Erster Sang der Nachtigallen,

Zwischen duftenden Syringen

Haben wir die Nacht durchküßt –“

Haben ... wir ... die Nacht ... durchküßt ...

Aus dem tiefsten Herzen tauchen

Mir die Verse wie ein Träumen, –

Aber glaub ich diesem Traume?

War es denn, das warme Leben

Mit den heißen, nahen Lippen?

War es denn?

Es ist in mein Herz gefrostet,

Hartes Eis, hell wie Erfahrung,

Undurchdringlich starre Kruste,

Die kein Hoffen mehr durchbricht;

Schnee ist auf mein Haupt gefallen,

Schnee, den keine Sonne schmelzen,

Den kein Lenz verjagen wird.

Kalt und leer und stumm und farblos

Ist die ganze Welt mir worden,

Seit ich ihres Herzens Wärme

Nicht an meiner Brust mehr fühle,

Seit mir ihres Herzens Fülle

Nicht mehr lebt in tiefer Liebe,

Seit ihr Mund verstummt,

Der so innig sprach,

Seit ihr blaues Auge

Stier im Tode brach.

In den Flammen nur ist Leben,

Und dies Leben ist das heiße,

Jache, ungestüme Sterben.