Am neunten Sonntage nach Pfingsten

By Annette von Droste-Hülshoff

Written 1822-01-01 - 1822-01-01

O hütet, hütet euch!

Die Luft hat sich umzogen

Und in den Wolken grell und reich

Hebt sich ein falscher Friedensbogen,

Von dem ein Dämon niederstieg,

Der mit dem Ölzweig bringt den Krieg.

Und allerorten stehn

Posaunende Propheten,

So aus dem Staube Stricke drehn,

So flach die Berge wollen treten.

O hüte dich, ehrwürd'ger Art

Ist ihr Gesicht, und grau ihr Bart!

Der eine zeigt den Riß,

Wo soll auf nackten Höhen

Die göttliche Akropolis

Der christlichen Minerva stehen:

Folgst du ihm nach, du bleibst gebannt

Wo noch kein Hälmchen Nahrung fand.

Da magst vor ödem Stein

Du betend niedersinken,

Und lange noch wird dein Gebein

Ein warnend Beispiel niederblinken,

Als eines, der zu eigner Not

Verwandelte in Stein das Brod.

Der andre deutet tief

Nach einer Höhle Gründen

Und horcht in seinem Wahn, als rief

Ihm eine Stimme aus den Schlünden:

Hieher! was klar das ist ein Schein,

Im Schachte wohnt der Edelstein!

O diesem folge nicht,

Der Gottes Haus zum Schreine,

Und wehe, jenem folge nicht,

Der Gottes Nahrung macht zum Steine!

Doch besser dumpf im Schachte stehn

Als droben frech gen Himmel sehn!

Und auf dem grünen Plan,

Wo frisch die Kräuter schwellen,

Da liegt so hellbetaut die Bahn,

Da sprudeln die lebend'gen Quellen,

Und aus der Demut grauem Stein

Hebt sich ein Tempel schlicht und klein.

Dort findest du ein Mahl

So ganz für dein Bedürfen,

Dort darfst du aus dem heil'gen Gral

Des Glaubens milde Labung schlürfen,

So wie sie einem Wesen recht,

Das noch des ird'schen Leibes Knecht.

O hemme nur dein Ohr,

Vom fremden Klang umzogen!

O blicke lüstern nicht empor

Zum bunten falschen Friedensbogen!

An deinem Tempel sollst du knien,

Das Wetter wird vorüberziehn.