Am sechsten Sonntage nach Pfingsten

By Annette von Droste-Hülshoff

Written 1822-01-01 - 1822-01-01

Die ganze Nacht hab' ich gefischt

Nach einer Perl' in meines Herzens Grund

Und nichts gefangen.

Wer hat mein Wesen so gemischt,

Daß Will' gen Wille steht zu aller Stund'

In meiner Brust wie Tauben gegen Schlangen?

Daß ich dir folgen möchte, ach!

Es ist doch wahr! ich darf es sonder Trug

Mir selber sagen!

Was schleicht mir denn gespenstig nach

Und hält wie an den Fittigen den Flug,

Der, ach, zu dir, zu dir mich sollte tragen?

Herr geh von mir, ich bin ein arm

Und gar zu sündig Wesen, laß mich los,

Ach, laß mich liegen!

Weiß ich wovon mein Busen warm?

Ob Sehnens Glut, ob nicht die Drangsal bloß

So heiß und zitternd läßt die Pulse fliegen?

Wenn sich die Sünde selber schlägt,

Wenn aus der Not nach Rettung Sehnen keimt:

Ist das die Reue?

Hast du den Richter doch gelegt

In unser Blut, das gen die Sünde schäumt,

Daß es vom wüsten Schlamme sich befreie.

Dies Winden jedem zuerkannt,

Wo irgend noch ein Lebensodem steigt,

Wird es mir frommen?

Ja als verlöscht der Sonne Brand,

Da hat Ägypten sich vor dir gebeugt,

Und seine Sünde ward ihm nicht genommen.

Und hast Gewissens Stachel du

Mir auch vielleicht geschärft als andern mehr:

Ich werd' es büßen,

Dringt nicht der rechte Stich hinzu,

Der Freiheit gibt dem warmen, reinen Meer,

Daraus die echten Reuetränen fließen.

O eine echte Perle nur

Aus meiner Augen übersteintem Quell,

Sie wär' ein Segen!

Du Meister jeglicher Natur

Brich ein, du Retter, lös die Ströme hell;

Ach kann ja ohne dich mich nimmer regen!

Du der gesprochen: „Fürcht' dich nicht!“

So laß mich denn vertraun auf deine Hand

Und nicht ermüden!

Ja auf dein Wort, mein Hoffnungslicht,

Will werfen ich das Netz, ach! steigt ans Land

Die Perle endlich dann, und bringt mir Frieden?