Am Tage Bartholomäi

By Johann Christian Günther

Written 1709-01-01 - 1709-01-01

Die Jünger zanckten unter sich

Des grösten Ranges wegen,

Des Heilands Wort gieng alsogleich

Dem eitlen Streit entgegen

Und sprach: Last Fürsten dieser Welt

Nach hohen Tituln rennen;

Denn wer Gewalt und Reichthum hat,

Der läst sich gnädig nennen.

Ihr aber, Liebsten, nicht also!

Gebt beßre Demuthszeichen.

Wer vorgeht, soll ein Diener seyn,

Der Größre Schlechtern weichen;

Denn dieser, der am Tische sizt,

Sagt, ist nicht dieser beßer

Als welcher hinten steht und dient?

Gewis, der erst ist größer.

Nun muß ich mitten unter euch

Als Knecht mein Amt verwalten;

Ihr aber seyd die, die bey mir

Im Elend ausgehalten,

Ihr seyd mir in Gefahr gefolgt,

Nun will ich auch bey Zeiten,

So wie der Vater mir gethan,

Das Reich vor euch bereiten.

Und dieses meines Vaters Reich

Hat viele Wollusttische,

Woran euch Fried und Seeligkeit

Mit Speiß und Tranck erfrische.

Die Stühle sind auch schon bereit,

Da sollt ihr meinetwegen

Vor zwölf Geschlechten Israels

Gericht und Urtheil hegen.

So blind, so thöricht und verkehrt

Ist unser Fleisch gebohren,

So langsam öfnet die Natur

Der Warheit Aug und Ohren:

Die Jünger waren nun drey Jahr

Bey ihrem Herrn gewesen

Und konten doch sein Absehn nicht

Aus so viel Wundern lesen.

Mit was vor Wachen, Lieb und Müh

Hatt er sie unterrichtet

Und zur Erbauung Tag vor Tag

Gelehret und gedichtet!

Noch waren sie so blind und taub

Und wollten auf der Erden

Sogar mit Zanck und Eifersucht

Zu großen Leuten werden.

Wie mancher Christ hat noch bey uns

So fleischliche Gedancken

Und steckt durch seinen Hoffartsgeist

Der Ehre weite Schrancken!

Er liebt nur Gott aus Eigennuz

Und aus Begier zu steigen,

Und wo er Tugend üben soll,

Da soll sich Vortheil zeigen.

Kommt's auf des Glaubens Prüfung an

Und soll man etwas leiden,

Da läst sich Fleisch und Blut gar leicht

Von Jesu Liebe scheiden.

Im Glücke fällt die Demuth weg,

Und bey den guten Tagen

Wird einer unter Tausenden

Kaum nach dem Himmel fragen.

Man lerne doch einmahl verstehn,

Was unser Heiland wolle!

Nicht, daß man vor und in der Welt

Viel Ansehn hofen solle,

Nein, sondern daß man als ein Knecht

Dem armen Nechsten nüze

Und bis zur rechten Läuterung

Im Elendsofen schwize.

Wer dies geduldig thut und trägt,

Dem ist das Reich dort oben,

Worin man unvergänglich herrscht,

Vom Vater aufgehoben,

Von jenem Vater, deßen Treu

Durch scharfe Zucht probieret

Und uns nach kurzer Angst und Müh

Ins Land der Freyheit führet.