Am Tage Mariä Geburth

By Johann Christian Günther

Written 1709-01-01 - 1709-01-01

Die Weißheit ruft uns täglich zu:

Wer Ohren hat, der höre!

Ich bin die Mutter aller Welt

Und schencke Glück und Ehre.

Ich war, eh etwas würcklich war,

Vom Anfang, vor der Erden,

Durch mich lies auch das Wort des Herrn

Aus nichts dies alles werden.

Da alle Dinge noch vorlängst

In ihrem Wesen schliefen,

Eh Waßer, Brunnen, Quell und Meer

Noch um den Erdkreiß liefen,

Eh noch ein Berg und Hügel stand,

Eh Sonn und Sterne brannten

Und eh die großen Ströme noch

Ihr Ziel und Ufer kannten,

Da war ich Weißheit schon bereit,

Da half ich mit regieren,

Der Herr gebrauchte meinen Rath,

Sein Absehn auszuführen.

Ich lebte, spielte, schuf mit ihm

Und hatte mein Ergözen,

Das ganze menschliche Geschlecht

In Fried und Lust zu sezen.

Darum gehorcht und folgt auch nun,

Ihr Kinder, meinen Wegen!

Ich führ euch in das Paradies,

Ich bring euch Lust und Seegen.

Seyd weise, liebt und hört die Zucht

Und wacht vor meiner Thüre,

Damit ein ewig Wohlergehn

Der Arbeit Ende ziere.

Wer mich erlanget und behält,

Der findet selbst das Leben,

Der Herr wird ihm sein Vaterherz

Mit Wohlgefallen geben.

Wer aber mich verlacht und höhnt,

Wird an der Seele sterben

Und dadurch, daß er mich verschmäht,

Den ärgsten Tod erwerben.

So ruft, so schreyt die Weißheit noch,

Und niemand will es mercken.

Herr, deßen Sohn die Weißheit ist,

Las mein Gemüthe stärcken,

Damit mich nicht der eitle Schein

Geschminckter Thorheit blende

Noch von dem Creuze deines Sohns,

Der wahren Weißheit, wende.