Am vierten Sonntage in der Fasten (Josefsfest)

By Annette von Droste-Hülshoff

Written 1822-01-01 - 1822-01-01

Gegrüßt in deinem Scheine,

Du Abendsonne reine,

Du alter Lilienzweig!

Der du noch hast getragen

In deinen grauen Tagen

So mildes Blütenreich!

Je mehr es sich entfaltet,

Zum Ehrenkranz gestaltet,

Der deine Stirn umlaubt:

Je mehr hast du geneiget,

In Ehrfurcht ganz gebeuget

Dein gnadenschweres Haupt.

Wie ist zu meinem Frommen

Dein freundlich Fest gekommen

In diese ernste Zeit?

Ich war fast wie begraben:

Da kömmst du mich zu laben

Mit seltner Freudigkeit.

Zu dir will ich mich flüchten,

Mein scheues Leben richten,

O Josef, milder Hauch!

Du hast gekannt die Fehle

In deiner starken Seele,

Und die Vergebung auch!

Was hast du nicht geduldet,

Da in geheim verschuldet

Maria dir erschien?

Und konntest ihr nicht trauen,

Worauf die Himmel bauen,

Und hast ihr doch verziehn!

Und da du mußtest scheiden

Mit deinen lieben beiden:

Wie groß war deine Not!

Die Wüste schien dir lange;

Doch war vom Untergange

Dein liebes Kind bedroht.

Und da er glanzumkrönet:

Wie bist du nicht gehöhnet

Um seine Gotteskraft!

Wie mag, den Groll zu laben,

Dich nicht gelästert haben

Die arge Priesterschaft!

Und gar, wenn gottdurchdrungen

Dich grüßten fromme Zungen

Und priesen laut und weit:

Wie hast du nicht in Zagen

An deine Brust geschlagen

In deiner Sündlichkeit!

So hast du viel getragen,

Unendlich viele Plagen,

Mit freundlicher Geduld,

Und ist in all den Jahren

Manch Seufzer dir entfahren

Und manche kleine Schuld.

Du frommer Held! im Glauben,

Den schrecklich dir zu rauben

Sich alle Welt verband:

Hast können nicht erhalten

Ein unbeflecktes Walten

An deines Jesu Hand.

Was soll ich denn nicht hoffen,

Da noch der Himmel offen,

Und meine Seele still?

Will sich die Gnade nahen:

Ich kann sie wohl empfahen,

So Gott mir helfen will.

Zerrissen in den Gründen

Bin ich um meine Sünden,

Und meine Reu' ist groß.

O hätt' ich nur Vertrauen,

Die Hütte mein zu bauen

In meines Jesu Schoß!