Am XVI. Sonntage nach Trinitatis

By Johann Christian Günther

Written 1709-01-01 - 1709-01-01

Ich, Paulus, bitte, werdet nicht

In meiner Trübsahl müde.

Dies Leiden, so vor euch geschieht,

Gebiehrt euch Ehr und Friede.

Derhalben beug ich meine Knie

Zum Vater in der Höhe,

In deßen Kindschaft ich mit euch

Durch Jesum Christum stehe.

Er las euch nach der Herrligkeit

Und seines Reichthums Gaben

Am innerlichen Menschen Kraft

Und Stärck und Wachsthum haben,

Damit sich Christus auch in euch

Im Glauben niederlaße

Und durch die Liebe mehr und mehr

So Grund als Wurzel faße,

Bis daß ihr mit den Heiligen

Begreifet und verstehet,

Wie weit die Tiefe, Läng und Höh

Und auch die Breite gehet,

Und bis ihr Christi Liebe kennt,

Der kein Erkäntnüß gleichet,

Auf daß ihr Gottes Gnade seht

Und ihre Füll erreichet.

Dem aber, welcher mehr vermag,

Als wir verstehn und bitten,

Durch jene Kraft, die in uns würckt

In Lehren, Wort und Sitten,

Dem sey in unsrer Kirche Ruhm

In Jesu Christi Nahmen

Von Ewigkeit zu Ewigkeit

In allen Zeiten Amen.

Du Gott und Vater alles Lichts

Und aller Menschenkinder,

Durch deßen eingebohrnen Sohn

Wir ganz verlornen Sünder

Das Recht der Erbschaft deines Reichs

Von nun an mit genießen,

Las jezo deinen Gnadenstrahl

Auf unsre Demuth schießen.

Wir beugen Haupt und Herz und Knie

Und kommen, dich zu bitten,

Durch deßen Nahmen und Verdienst,

Der selbst vor uns gelidten.

Wir suchen kein vergänglich Gut

Noch irdisches Ergözen,

Das nur die Kinder dieser Welt

Vor ihren Himmel schäzen.

Der Reichthum deiner Herrligkeit

Ist gar nicht auszusprechen.

Wir bitten nur ein Theil davon,

Den alten Mensch zu schwächen,

Der mit Begierden böser Art

Sich in uns zeigt und reget

Und deßen Ungehorsam noch

Verbothne Früchte träget.

Ach, sende doch von deiner Kraft

Dem Glauben Kraft und Stärcke,

Damit man deine Wunder seh

Und ihr Geheimnüß mercke.

Gieb, daß sich Christus innerlich

Mit uns genau verbinde

Und unsre Seele den Geschmack

Der andern Welt empfinde.

Gelehrsamkeit und Wißenschaft

Begreifen tausend Sachen,

Woraus die Weisen dieser Welt

Nicht wenig Rühmens machen;

Doch wer die Liebe Christi kennt,

Der schilt ihr thöricht Prahlen,

Erwehlt den recht- und süßen Kern

Und läst der Welt die Schalen.

Zu der Erkäntnüß wirstu uns

In frommer Einfalt bringen,

Damit sich unser Herz und Wuntsch

Nach jenen Hügeln schwingen,

Auf welchen wir dich dermahleinst

Verklärter schauen sollen

Und durch ein seelig Jubellied

Ohn Ende preisen wollen.