Amandus an Amanda.
Nicht lieben soll ich dich? Amanden ich nicht
lieben,
An die der Ewigkeiten Schwur mich band? —
Mag doch der Schöpfung Kranz, wie welkes Laub,
zerstieben,
Das Daseyn schwindeln an des Nichtseyns Rand,
Des Lichtes Urquell in die alte Nacht sich tauchen,
Das Weltall, eingeäschert von dem Zorngericht
Des jüngsten Tags, hinauf zum Thron der Gottheit
rauchen —
Amandus lässt Amanden nicht!
Kann ich die Elemente auseinander rütteln,
Die das Verhängniss löthete?
Kann ich den alten Riesen, Schicksal, schütteln,
Wie Herkules den Anteus schüttelte?
Kann ich die Marmortafel niederstürzen,
Die früher, als der Schöpfung Eckstein stand?
Kann ich den Knoten aus einander schürzen,
Den siebenfach um dich und mich die Gottheit
wand?
Und könnt' ich es — ich
siegen
Die Flamme, die mir Kraft und Stolz und Adel
giebt?
Du willst es? Heuchlerin! straft nicht dein Herz
dich Lügen? —
Ich weiss, dass mich Amanda liebt!
Las ich sie nicht, die Flammenschrift, geschrieben
Von jener Hand, die Sonnen ballt und Seelen traut:
„amandus wird Amanda lieben!
„amanda sey Amandus Braut!“
Las ich ihn nicht den schönsten meiner Siege?
Las ich es nicht, dass mich Amanda liebt,
In jedem Buchstab deiner Engelzüge,
In jedem Blitz, der deinem Aug' entstiebt?
Verstand ich nicht der Blicke Funkensprühen,
Der Hände rednerischen Druck,
Des Odems Flammenwehn, der Wangen heissres
Glühen,
Der Nerven fieberhaften Zuck?
Verstand ich nicht diess unnennbare Toben
Der Pulse, nicht des Herzens wildern Schlag,
Wenn ich, von seinen Fluthen hoch empor gehoben,
An deinem Busen wimmernd lag?
Wenn, dich umschlingend und von dir um-
schlungen,
In dich verloren und an dich gebannt,
Die Erde mir, wie Nebeldämmerungen,
Der Himmel mir, wie Thaugedüft, verschwand?
Wenn ich aus deiner Lippen reiner Fülle
Das süsse Gift begierig in mich trank,
Und niedertaumelte in wollusttrunkne Stille,
Und athemlos mit Seyn und Nichtseyn rang?
Kann dieser Augenblicke Brand verlodern?
Kann, weggerissen aus dem Ring der Zeit,
Das Gestern Heute werden? Können Seelen mo-
dern? —
Nein, du bist mein, Amanda, Ewigkeit!
Hör' auf zu heucheln! Störe nicht, Amande,
Den schönen Einklang, den die Schöpfung klingt.
Entwinde nicht rebellisch dich dem Bande,
Das Körperwelt und Geisterwelt umschlingt.
O komm, o stürze dich mit rührendem Ergeben
In meinen offnen Arm — Der Himmel Melodie
Ist Liebe. Liebe klopft der Pulsschlag aller Leben,
Und Liebe klingt der Sphären Harmonie.
Sich, meine Reine, wie entzückt, wie lü-
stern
Die Erde rings um uns in süssen Schauern bebt!
Wie Liebe! Liebe! rings die Blätter flistern,
Und Liebe! Lieb'! in jedem Säusel webt!
Horch, wie aus Edens Flur die Palmen heller
rauschen,
Die ewiggrünen Myrten süssre Düfte streun!
Die Seligen von goldnen Wolken niederlauschen,
Und unsrer Seligkeit sich freun!
Mehr als der Andacht Psalm, mehr als des
Beters Knieen
Ehrt Menschenseligkeit den grossen guten Geist,
Der Mayenrosen blühn, und Morgenröthen glühen,
Und Orionen funkeln heisst.
Ihm, der in seinem ungemessnen Alle
Des Würmchens Lunge schwellt, des Cherubs Zunge
regt,
Der Sonnenstaub' und Sonnenballe
Mit gleicher Huld an seinem Herzen trägt;
Ihm ist der Thränendank, den ihm Beglückte
zollen,
Viel köstlicher, als seiner Himmel Herrlichkeit.
Er gönnt uns unsre Liebe. Mögen Teufel grollen!
Und zischen mag die alte Viper Neid!