Amandus an Amanda.

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Nicht lieben soll ich dich? Amanden ich nicht

lieben,

An die der Ewigkeiten Schwur mich band? —

Mag doch der Schöpfung Kranz, wie welkes Laub,

zerstieben,

Das Daseyn schwindeln an des Nichtseyns Rand,

Des Lichtes Urquell in die alte Nacht sich tauchen,

Das Weltall, eingeäschert von dem Zorngericht

Des jüngsten Tags, hinauf zum Thron der Gottheit

rauchen —

Amandus lässt Amanden nicht!

Kann ich die Elemente auseinander rütteln,

Die das Verhängniss löthete?

Kann ich den alten Riesen, Schicksal, schütteln,

Wie Herkules den Anteus schüttelte?

Kann ich die Marmortafel niederstürzen,

Die früher, als der Schöpfung Eckstein stand?

Kann ich den Knoten aus einander schürzen,

Den siebenfach um dich und mich die Gottheit

wand?

Und könnt' ich es — ich

siegen

Die Flamme, die mir Kraft und Stolz und Adel

giebt?

Du willst es? Heuchlerin! straft nicht dein Herz

dich Lügen? —

Ich weiss, dass mich Amanda liebt!

Las ich sie nicht, die Flammenschrift, geschrieben

Von jener Hand, die Sonnen ballt und Seelen traut:

„amandus wird Amanda lieben!

„amanda sey Amandus Braut!“

Las ich ihn nicht den schönsten meiner Siege?

Las ich es nicht, dass mich Amanda liebt,

In jedem Buchstab deiner Engelzüge,

In jedem Blitz, der deinem Aug' entstiebt?

Verstand ich nicht der Blicke Funkensprühen,

Der Hände rednerischen Druck,

Des Odems Flammenwehn, der Wangen heissres

Glühen,

Der Nerven fieberhaften Zuck?

Verstand ich nicht diess unnennbare Toben

Der Pulse, nicht des Herzens wildern Schlag,

Wenn ich, von seinen Fluthen hoch empor gehoben,

An deinem Busen wimmernd lag?

Wenn, dich umschlingend und von dir um-

schlungen,

In dich verloren und an dich gebannt,

Die Erde mir, wie Nebeldämmerungen,

Der Himmel mir, wie Thaugedüft, verschwand?

Wenn ich aus deiner Lippen reiner Fülle

Das süsse Gift begierig in mich trank,

Und niedertaumelte in wollusttrunkne Stille,

Und athemlos mit Seyn und Nichtseyn rang?

Kann dieser Augenblicke Brand verlodern?

Kann, weggerissen aus dem Ring der Zeit,

Das Gestern Heute werden? Können Seelen mo-

dern? —

Nein, du bist mein, Amanda, Ewigkeit!

Hör' auf zu heucheln! Störe nicht, Amande,

Den schönen Einklang, den die Schöpfung klingt.

Entwinde nicht rebellisch dich dem Bande,

Das Körperwelt und Geisterwelt umschlingt.

O komm, o stürze dich mit rührendem Ergeben

In meinen offnen Arm — Der Himmel Melodie

Ist Liebe. Liebe klopft der Pulsschlag aller Leben,

Und Liebe klingt der Sphären Harmonie.

Sich, meine Reine, wie entzückt, wie lü-

stern

Die Erde rings um uns in süssen Schauern bebt!

Wie Liebe! Liebe! rings die Blätter flistern,

Und Liebe! Lieb'! in jedem Säusel webt!

Horch, wie aus Edens Flur die Palmen heller

rauschen,

Die ewiggrünen Myrten süssre Düfte streun!

Die Seligen von goldnen Wolken niederlauschen,

Und unsrer Seligkeit sich freun!

Mehr als der Andacht Psalm, mehr als des

Beters Knieen

Ehrt Menschenseligkeit den grossen guten Geist,

Der Mayenrosen blühn, und Morgenröthen glühen,

Und Orionen funkeln heisst.

Ihm, der in seinem ungemessnen Alle

Des Würmchens Lunge schwellt, des Cherubs Zunge

regt,

Der Sonnenstaub' und Sonnenballe

Mit gleicher Huld an seinem Herzen trägt;

Ihm ist der Thränendank, den ihm Beglückte

zollen,

Viel köstlicher, als seiner Himmel Herrlichkeit.

Er gönnt uns unsre Liebe. Mögen Teufel grollen!

Und zischen mag die alte Viper Neid!