Amor in der Mauser

By Paul Heyse

Written 1872-01-01 - 1872-01-01

Einsam, traurig und gefangen

Sitzt der kleine Gott zu Haus,

Und mit naßgeweinten Wangen

Rupft er sich die Federn aus;

Spitzt sie fein an seinen Pfeilen,

Taucht sie in ein Tröpfchen Blut,

Schreibt damit entflammte Zeilen,

Brief' und Lieder voller Glut.

Ach, und kann's ihm denn genügen,

Daß er lahm die Feder führt,

Da er einst in sel'gen Flügen

Zweier Schwingen Kraft gespürt?

Heil'ge Venus, laß geschwinde

Hingehn diese Mauserzeit,

Die dem armen Götterkinde

Sichtbar kümmerlich gedeiht.

Neu beschwing ihm das Gefieder,

Das nun kriechend kritzeln muß:

Blick und Wort statt Brief' und Lieder,

Statt der Siegel Kuß um Kuß!