An Agathe

By Gottfried August Bürger

Written 1772-01-01 - 1772-01-01

Mit dem naßgeweinten Schleier

Lösch' ich meine Thränen aus;

Und mein Auge schauet freier

Über Zeit und Grab hinaus.

Geist erhabner Prophezeiung,

Gottes Geist erleuchtet mich!

Lebensodem zur Erneuung

Weht gewiß auch über mich.

Jedes Drangsal dieses Lebens,

So dein weiches Herz gedrückt,

Zeuget, daß du nicht vergebens

Oft nach Trost hinaus geblickt.

Nein! Nicht schwelgendem Gewürme

Ewig überlaßner Raub,

Noch ein Spiel der Erdenstürme

Bleibet guter Herzen Staub.

Nein! In diese Wüsteneien

Sind wir ewig nicht gebannt.

Keine Zähre darf uns reuen;

Denn sie fiel in Gottes Hand.

Was auf diese dürren Auen

Von der Unschuld Thränen fällt,

Wird gesammelt, zu betauen

Die Gefilde jener Welt;

Die Gefilde, wo vom Schnitter

Nie der Schweiß der Mühe rann,

Deren Äther kein Gewitter

Und kein Nebel trüben kann.

Seufzer, deines Grames Zeugen,

Werden auf gen Himmel gehn,

Werden einst von Palmenzweigen

Kühlung dir herunter wehn.

Von dem Schweiße deiner Mühen,

Der hier Undankbaren quillt,

Werden dort einst Blumen blühen,

Wie sie hier kein Lenz enthüllt.

Wann Verfolgung ihren Köcher

Endlich auf dich ausgeleert;

Wann dein Gold sich, vor dem Schwächer

Seines Glanzes, rein bewährt;

Und, zur Erntezeit der Saaten,

Da das Korn geworfelt wird,

Ausgestreuter Edelthaten

Reine Frucht im Siebe schwirrt. –

Heil der schönsten schöner Stunden,

Die sich um dein Leben drehn,

Welche dich, vom Zwang' entbunden,

Zu der Freiheit wird erhöhn! –

Zeuch mich dir, geliebte Fromme,

An der Liebe Banden nach!

Daß auch ich zu Engeln komme,

Zeuch, du Engel, dir mich nach!

Mich begleite jede Wahrheit,

Die du schmeichelnd mir vermählt,

Zu dem Urquell aller Klarheit,

Wo kein Reiz sich mehr verhehlt!