An Calisten
Written 1691-01-01 - 1691-01-01
Ich kan mir nicht mehr widerstreben;
Die schönheit flößt mir das gelüsten ein.
Im Paradieß kan keiner leben
Und ohne fall und fehl-tritt seyn.
Dein Edens-platz mein kind Caliste
Zieht meine hand
Auff deinen kreyß der rundten brüste
Und meinen leib in dein gelobtes land.
Der lentz pflegt uns in herbst zu leiten;
Das jahr läst uns nach blumen früchte sehn:
laß mich doch auch nach deinen zeiten
In deinen anmuths-garten gehn.
Mein frühling ist ein kuß gewesen
Laß aus der schooß
Mich endlich reiffe früchte lesen
Wie in dem stand der unschuld nackt und bloß.
Du kanst den leib mir nicht verschliessen
Von welchem du mir schon das hertz entdeckt.
Laß unsern geist zusammen fliessen
Weil doch kein kuß ihm selber schmeckt.
Vergrabe mich in helffenbeine
Voll fleisch und blut;
Denn werd ich gleich darinn zum steine
So weiß ich doch daß es mir sanffte thut.
Eröffne mir das thor zum lande
Wo zucker rinnt und wollust tafel hält;
Laß meinen kahn am engen strande
In deine neu-erfundne welt.
Du darffst dich nicht Caliste schämen;
Das feigen-blat
Das Eva für sich muste nehmen
Zeigt und verdeckt nicht unsre lagerstatt.
Bestraffe mich mit keinem tadel
Daß deinen schooß mein hertze lieb gewinnt;
Denn der magnet forscht mit der nadel
Biß er den mittel-punct ergründt.
Ein schäfgen weidt in thal und auen
Wo schatten ist;
Mein hertze will das deine schauen;
Drum such ich es da wo du offen bist.