An Charlotte Schwarz

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Written 1788-01-01 - 1788-01-01

Blumen sucht' ich meiner Holden,

Blumen unter Schnee und Schloßen.

Doch der hochgeschwoll'nen Dolden

Fand ich keine noch erblüht.

Hyacinthen fand ich schossen,

Krokos, Primeln kaum erst sprossen.

Nimm denn, Traute, was die Noth beschied,

Nimm dieß Buch, dieß Band, dieß Lied!

In des Büchleins Silberblättern

Hörst du itzt ein Heimchen schwirren.

Itzt den Sprosser gellend schmettern,

Itzt den Bach, der schwatzend rollt.

Nie verlocken, nie verirren

Wird dich dieser Zither Girren;

Unentheiligt klingt ihr bebend Gold:

Darum sey dem Büchlein hold!

Dieses Gürtels Goldgewinde

Wird dich, Beste, nicht entstellen.

Heilig ist das Angebinde,

Heilig aus des Dichters Hand.

Seiner Schleifen lose Wellen

Laß um deine Hüften schwellen!

Ehre, Freundinn, in dem armen Band'

Edler Freundschaft Unterpfand!

Doch, des Dichters beste Habe,

Seines Geistes süße Weide,

Seiner Freundschaft schönste Gabe

Ist der heilige Gesang.

Dieser adelt seine Freunde,

Tröstet ihn im Lebensleide,

Kühlt ihn in der Leidenschaften Drang,

Sichert ihm der Enkel Dank.

Also flötet Philomele,

Wenn die Abendwolken blühen;

Flammen strömen in die Seele,

Und der Brust entstöhnt ein Ach!

Also zittern, also glühen,

Wenn des Liedes Strahlen sprühen,

Fromme Herzen, schlagen heißern Schlag,

Und die Thräne stürzet nach.

Kennst du, Freundinn, wol die Feien,

Die des Mädchens Herz bewachen?

Jene Guten, jene Treuen,

Die, aus Eden hergesandt,

Der Entschlaf'nen Kühlung fachen,

Die Erwachende umlachen,

Und die Tappende mit treuer Hand

Leiten in das bess're Land?

Einfalt mit dem Taubenmuthe,

Unschuld mit der Lammesblöde,

Anmuth mit dem Schäferhute

Diese sind der Jungfrau hold.

Sorgsam leiten sie die Blöde,

Durch des Lebens Wüst' und Oede,

In das Land, wo keine Thräne rollt,

Keine Tücke schmollt, noch grollt.

Sahst du wol die Einfalt sitzen,

Fremd dem modischen Getändel,

Fremd dem Plutz' von Flor und Spitzen,

Unterm niedern Halmendach?

Ihr Parfum ist Wiesenquendel

Und die Blüthe der Lavendel,

Ihre Zierde die Viol' am Bach',

Ihr Concert der Wachtelschlag.

Willst du schau'n der Unschuld Züge?

Leise, leise, wie auf Socken,

Nahe dich der kleinen Wiege,

D'rin der holde Säugling ruh't!

Ihn umringeln blonde Locken,

Wie der Schlüsselblume Glocken.

Still in blauen Adern fließt sein Blut,

Weil er schuldlos ist und gut.

Siehst du dort bei Kerzenglanze

Nymphenhaft die Anmuth schweben,

Itzt im ernstern Feiertanze,

Itzt im raschern Ringelreih'n?

Dieses Sinken, dieses Heben,

Dieses Wallen, dieses Weben,

Dieser hohe Rythmus ist allein

Inn'rer Schönheit Widerschein –

Die ihr unversöhnlich hasset,

Euch der Schuld zu offenbaren,

Aber gern euch schauen lasset

Ungefälschtem, reinem Sinn:

O ihr Treuen, o ihr Wahren,

O ihr Himmlischen, ihr Klaren,

Leitet freundlich meine Lieblinginn

Durch des Lebens Irren hin!

In des Frühroths lichtem Schimmer,

In des Spätroths blassem Golde

Wandle friedlich, meine Holde,

Auf der Freude Rosenspur!

Fern vom kerzenhellen Zimmer

Ruhe gern im Sterngeflimmer

Auf dem Teppich der beblümten Flur,

An dem Busen der Natur!

Wenn zu brausend und zu lüstern

Dir der Freude Becher blinket,

Lausch' auf jener Stimme Flistern,

Die in deinem Busen spricht!

Wenn die Sünde kosend winket,

Wenn die Schwachheit schwankt und sinket,

Höre du den ernsten Ruf der Pflicht,

Höre sie und wanke nicht!

Würzig dufte, rosig blühe,

Eine schimmernde Aurore,

Deines Lebens süße Frühe,

Bis dir winkt die ernstre Pflicht;

Bis die hochzeitliche Hore,

Hold wie Hebe, frisch wie Flore,

Dir mit hocherröthendem Gesicht

Myrthen um die Locken flicht!

Keines Unmuths Wölkchen trübe

Deiner Zukunft glatten Spiegel!

Wandl' im Schirm der ew'gen Liebe,

Bis dein Mittag Abend wird!

Schwinge, Psyche, nun die Flügel,

Während um den stillen Hügel

Melancholisch die Cypresse schwirrt,

Und ein Täubchen einsam girrt!