An den Verstorbenen

By Georg Herwegh

Written 1846-01-01 - 1846-01-01

O Ritter, toter Ritter,

Leg' deine Lanze ein!

Sie soll in tausend Splitter

Von mir zertrümmert sein.

Heran auf deinem Rappen,

Du bist ein arger Schalk,

Trotz Knappen und trotz Wappen,

Trotz Falk und Katafalk!

Ich steh' nicht bei dem Trosse,

Der räuchernd vor dir schweigt,

Weil du ein Herz für Rosse

Und fürs Kamel gezeigt;

Baschkire oder Mandschu –

Was schiert mich deine Welt?

Ich schleudre meinen Handschuh

Dir in dein ödes Zelt.

Dem Reich der Mamelucken

Weissagst du Auferstehn,

Und sähest ohne Zucken

Dein Vaterland vergehn;

Doch wiegtest unter Palmen

Du dein Prophetenhaupt,

Wenn nicht aus unsern Halmen

Du erst dein Gold geraubt?

Du steuerst nun so lange

Im Weltmeer aus und ein,

Und ward es nie dir bange,

Daß du so klein, so klein?

Ist er dir nie erschienen,

Der Fürst von Ithaka,

Wenn deine Sündermienen

In seinem Reich er sah?

Und sprach er nie mit Grollen:?

„Fort aus dem freien Meer!

Wirf nicht in seinen Schollen

Dein Lügenkorn umher!

Zieh heim an deine Pleiße,

Zieh heim an deine Spree;

Nicht jede Fürstenreise

Ist eine Odyssee.“

Wohl ist er unerreichbar

Der göttliche Uliß,

Doch du bist ihm vergleichbar

Am wenigsten gewiß.

Im Saus nicht und im Brause

Hat er die Zeit verdehnt,

Er hat sich stets nach Hause

Zu Weib und Volk gesehnt.

Für deines Volkes Rechte

Wie fochtest du so schlecht!

Du standest im Gefechte –

Ja, für das Türkenrecht;

Du stirbst auch auf dem Schilde,

Ja, auf dem Wappenschild;

Klag' nicht, daß deine Gilde

Fortan bei uns nichts gilt!

Den Marmor bringt Karrara

Noch nicht für den hervor,

An den der Niagara

Den Donner selbst verlor,

Der nur in alle Fernen

Zu seiner Schmach gereist,

Und noch vor Gottes Sternen

Auf seine Sternchen weist.

O Ritter, schlechter Ritter,

Leg' deine Lanze ein!

Sie soll in tausend Splitter

Von mir zertrümmert sein.

Laß ab, laß ab und spähe

Nicht nach der Wüste Sand!

Ich setze in der Nähe

Dich in dein Vaterland.