An der table d'hôteStück in Esther

By Detlev von Liliencron

Written 1863-01-01 - 1863-01-01

Einer wunderschönen Jüdin

Saß ich heute gegenüber,

Aus den großen braunen Augen

Klagte scheu Jerusalem.

Eingeschlagen wie zwei Nägel,

Blitzten in den kleinen Ohren

Diamanten reinsten Wassers,

Blitzten lüstern mir ins Herz.

Unausstehlich war ihr Gatte,

Grau, gelangweilt. Zähne stochernd,

Dachte an Prioritäten,

Eifersüchtig schien er auch.

Und ich hob den vollen Römer,

Und ihn an die Lippen setzend,

Fand ich ihre braunen Augen,

Trank ihn aus auf einen Zug:

Haman, Esther, hieß der Unhold,

Der dich einst vernichten wollte,

Haman nenn' ich deinen Gatten,

Ich will Artaxerxes sein.

Haman schaukelte bei Susan

Bald an einem hohen Galgen,

Als den König Artaxerxes

Du verliebt in dich gemacht.

Dein Genosse Haman aber

Soll im Saal am Leuchter hängen,

Und in Artaxerxes Armen

Ruht die schöne Königin.