An die Diana des Niesen

By August von Platen

Written 1815-01-01 - 1815-01-01

O Göttin, die du stets geleitest

Des Jägers Gang durch Feld und Wiesen,

Und gern das Hochgebürg beschreitest,

Die Blümlisalp und unsern Niesen,

Und allen stets dich hold erwiesen,

Die dir, des Städtelebens satt,

Auf wald'ger Berge Rücken huldigen:

Was zürnst du deinen ungeduldigen

Verehrern auf der Müllimatt?

Auf daß uns froh dein Auge nicke,

Dein heil'ger Grimm uns endlich schone,

Wie gerne lenkten wir die Blicke

Hinauf zu deinem höchsten Throne,

Zu jener keuschen Gletscherzone,

Die dir den Namen hat geraubt;

Doch Nebel ach! sich ewig häufende,

Von allen Seiten niederträufende,

Umwehn der Jungfrau Strahlenhaupt.

Wir ziehn dem Regenguß entgegen,

Und weihn dir manchen Tag und Morgen;

Doch keine Schnepfe will sich regen,

Und alle Hasen sind verborgen:

So kehren wir denn stets in Sorgen

Von mancher eitlen Fahrt zurück,

Die Müh und Schweiß genug uns kostete,

Und unsre Flinte, die verrostete,

Ersehnt umsonst ihr altes Glück.

Zwar läßt sich Manches in den Lauben

Der schönen Müllimatt erwerben:

Bei holden Fraun, beim Saft der Trauben,

Beim Duft so vieler Blumenscherben,

Hier ließe leben sich's und sterben;

Doch, Göttin, sieh, zur dir nur schaun

Wir hoffend auf, zu deinen luftigen

Und wilden Höhn von diesen duftigen

Gewächsen, diesen schönen Fraun!

Laß dich von unserm Flehn erweichen,

Und sei mit uns in diesen Tagen:

Das Höchste wollen wir erreichen,

Die pfeilgeschwinde Gemse jagen;

Es wird uns kein Gewehr versagen,

Wenn du uns schützen willst, o du!

Sei gnädig unserer Verwegenheit,

Erspähe selbst uns die Gelegenheit,

Und jag uns alle Gemsen zu!

Und wenn du uns vor Schmach mit diesen

Geschenken deiner Gunst gerettet,

So möge dir am Rand des Niesen

Auf Alpenrosen hingebettet,

Erscheinen was dich ewig kettet:

Auf daß du senkst den Wagenthron,

Erscheine dir ein hingesunkener,

Von Lieb und Wein und Schlummer trunkener,

Ein schnarchender Endymion!