An die Frau Gräfin von Bassegli, in WienFußnoten

By Leopold Friedrich Günther von Goeckingk

Written 1784-01-01 - 1784-01-01

Gerad ist's, Freundin, heut ein Jahr,

Daß ich in Wien an deiner Seite,

Frei vom gewöhnlichen Geleite

Des Grillenschwarms, so fröhlich war!

Er blieb, wie dem Geschmeiß' es ziemet,

Furchtsam an deiner Thür' zurück,

Von deren Schwelle Fama rühmet,

Daß eine gute Fee, zum Glück'

Für dich und deine Freund', am Morgen

Der dich gebahr, das Meisterstück

Von ihrer Kunst darin verborgen:

Den Talisman, der keine Sorgen,

Und hingen sie sich noch so fest

An ihren Mann, hinüber läßt.

Ach! könnt' ich diesen Talisman

Mir doch auf einen Monat borgen!

Dann fing' ich lieber heut als morgen

Die lang verschobne Kur noch an,

Und alle Launen, alle Sorgen,

Ertränkt' ich in Pyrmonter dann.

Du selbst, du könntest leicht ihn missen,

Denn zweifeln muß ich, ob du schon,

(So viel du sonst auch weißt,) magst wissen,

Daß Sorgen von dem Scorpion,

Und böse Laune von den Wanzen

Nur darin unterschieden sind,

Daß erstre, wenn der Tag beginnt,

Und letztre uns bei Nacht kuranzen,

Und man durch Wurzeln oder Pflanzen,

Den Sieg nicht über sie gewinnt.

Zwar wirst du sagen: Ich soll kommen,

Selbst suchen unter deinem Schwell',

Und Alles, auch das goldne Fell

Von Kolchis selbst nicht ausgenommen,

Soll ich, der Finder, zum Geschenk'

Für meinen weiten Weg empfangen.

Dank für den Vorschlag! Doch bedenk!

Wie schwer es mir schon eingegangen,

Als ich, so bald! das erstemal

Zur Trennung mich gezwungen sahe.

Ein Herz von Eisen und von Stahl

Muß schmelzen, kommt es dir zu nahe,

Und macht gleich dieses keine Qual,

So kam das Trennen doch noch allen,

Die je dich sahn, so leicht nicht an,

Als wie dein Vater von Metallen

Das reine Silber scheiden kann.

Lieg' wo du liegst, o Talisman!

Kannst du nicht schützen vor dem Trennen,

Wie würdest du nachher mich dann

Vor neuen Grillen schützen können?