An die Frau Karschin .
Ein neues Alles blickt auf uns
Im Wiederschein aus deiner Seele,
Du reinrer Spiegel der Natur!
Viel schöner blühet dir die Rose,
Weit zärtlicher weint dir ein Pylades,
Und heldenmüthiger in Wunden
Stirbt dir ein Held, noch mehr, ein Kleist.
Weit grüner winket dir die Aue,
Und lauter singt die Lerche dir,
Und schmachtender seufzt Philomele,
Wenn sie dir ihr Geheimniß sagt,
Daß sie um ihren Gatten klagt,
Und willst Du Zärtlichkeit und Kuß vermählt beschreiben;
So küßt nicht Damon seine Phyllis,
Nein, beide küsset die Natur —
Die meisten Dichter sind nur Träumer,
Für sie liegt die Natur im tiefen Schlaf,
Für dich erwachet sie, wenn du sie grüßest,
Und reicht dir, würdiger, die Hand,
Und zeigt Dir die geheimen Wunder.
Für dich entfaltet sie der Rose Blätter,
Für Dich zieht sie der Wolken Flor vom Himmel,
Für dich entlarvt sie das geputzte Laster
Und zeigt die Tugend dir im ächten Glanze,
Und endlich läßt in Andachtsvollen Stunden
Die ewge Wahrheit und die ewge Liebe
Für dich, anbetende gerührte Karschin,
Den Schleyer fallen — Heilig ist ihr Name! —
Entfern dich, Muse, stöhre sie anbetend nicht!