An die Schwestern

By Aloys Blumauer

Written 1776-01-01 - 1776-01-01

Schwestern, laßt euch's nicht verdriessen,

Daß uns keine essen sieht;

Danken würdet ihr uns müssen,

Wüßtet ihr, warum's geschieht.

Solltet ihr das Wunderbare

Uns'rer Tafellogen seh'n,

O so glaubet mir, die Haare

Würden euch zu Berge steh'n.

Drachenzungen, Kröteneier,

Faul und stinkend, wie die Pest,

Alles, was bei'm Höllenfeuer

Satan selber kochen läßt;

Seine feu'rigen Pokale,

Und der Schwefel, der d'rin brennt,

Wären gegen uns're Mahle

Noch ein fürstlich Traktament.

Hört, wir sitzen in der Runde,

Essen mit dem Maul – o weh!

Was wir käuen, wird zur Stunde

Uns im Mund zum – Fricassee.

Wir zerschneiden, was wir finden,

Schonen keines Tafelstück's:

Ach, und aus der Schüssel schwinden

Uns die Speisen Augenblick's.

Selbst die Teller, glaubt's ihr Schönen,

Ritzen wir nicht selten wund;

Das Gefror'ne wird zu Thränen,

Und zergeht uns in dem Mund.

Doch das Schrecklichste aus allen

Würde unser Trank euch sein;

Denn bei ächten Maurermahlen

Trinkt man nichts – als Vier und Wein.

Was uns eingeweihte Zecher

Selbst oft Wunder nimmt, ist das:

Uns're Flaschen haben Löcher,

Doch der Wein rinnt – nur in's Glas.

Was ihr ohne Schrecken sehen

Könntet, wäre dies allein,

Daß wir euer'm Wohlergehen

Immer auch ein Gläschen weih'n.